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Was ist Freimaurerei - Freimaurer Husum

 

Was ist Freimaurerei ?

Die Freimaurerei gehört zu den interessantesten und gleichzeitig schwer erklärbaren geistigen Phänomenen der westlichen Welt, sie beschränkt sich nicht auf Europa, sondern hat in erheblichem Maße auch in Nordamerika Fuß gefasst, ja, war dort sogar von anscheinend entscheidender geschichtlicher Bedeutung, vor allem bei der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika. Trotz ihrer gesellschaftspolitischen und geschichtlichen Relevanz ist die Freimaurerei bis heute weitgehend unerforscht geblieben, auch wenn an einigen Universitäten Lehrstühle zur Erforschung dieses Phänomens eingerichtet worden sind, wie zum Beispiel in Leiden.

Winkel und Zirkel

Bis heute scheiden sich in der Bewertung der Freimaurerei die Geister. Während in einigen Ländern die von den Freimaurern selbst so genannte Königliche Kunst höchste gesellschaftliche Anerkennung genießt, wie zum Beispiel in den skandinavischen Ländern, wo sie Mitglieder sogar in den Königshöfen hat, wird sie von der katholischen Kirche bis heute abgelehnt, ist in totalitären Staaten verboten, und ihre Mitglieder werden verfolgt, wobei sich auch in dieser Richtung die Nationalsozialisten besonders hervortaten, was auch in Husum seine Auswirkung hatte.

Die damals in weiten Kreisen der Bevölkerung verbreiteten Vorurteile gegen die Freimaurerei haben bis in die letzten Jahrzehnte nachgewirkt und es den Logen nach dem 2. Weltkrieg schwer gemacht, wieder Fuß zu fassen. Erst jetzt entspannt sich diese Situation, schon deswegen, weil eine neue Generation herangewachsen ist, die dem Einfluss der Nazi-Propaganda nicht mehr ausgesetzt war.

An dieser Entwicklung waren die Logen nicht ganz unschuldig, eine Tatsache, die mehrere Gründe hatte, die aus der Geschichte der Freimaurerei resultierten: Die große Zeit der Logen war das 18. und frühe 19. Jahrhundert. Dies war zwar die Zeit der Aufklärung, eines neu entdeckten Rationalismus, der Mensch wollte den Dingen auf den Grund gehen, die Natur sollte erforscht werden. Maßstab war die Vernunft des Menschen, die folgerichtigerweise dann auch Klassenschranken in Frage stellte. Das Bürgertum wollte sich neben dem Adel emanzipieren und damit auch seine Rolle im Staate wahrnehmen. Die Logen boten dabei eine Plattform, auf der sich der Adel, sogar die Fürsten mit Bürgerlichen treffen und gemeinsam sozusagen ihr Menschsein üben konnten.

Diese Plattform sollte indessen nicht das Staatsgefüge in Frage stellen, so dass die Logenzusammenkünfte im Geheimen stattfinden sollten und mussten. Aus den Zusammenkünften und dem, was hinter den verschlossenen Türen stattfand, wurde deswegen ein großes Geheimnis gemacht. Das hatte einerseits Gründe des Selbstschutzes, andererseits entsprach es auch der Tradition der Logen, die – so dürfen wir heute als gesicherte Erkenntnis annehmen – aus den Bauhütten des Mittelalters hervorgingen, die ebenfalls die Geheimnisse ihres handwerklichen Wissens bewahren wollten, um ihre Monopolsituation als Handwerker nicht zu gefährden – eine Tendenz, die bis heute anhält, wenn man den modernen Streit um den Meisterbrief betrachtet.

Es kam hinzu, dass im 18. Jahrhundert tatsächlich Geheimgesellschaften allerlei Gestalt blühten und beliebt waren. Der Ruf des Geheimnisvollen haftet der Freimaurerei tatsächlich seither bis heute an. Dies resultiert einmal aus der Geschichte, zum anderen aber auch aus der Tatsache, dass bis heute die Rituale der Freimaurerei nicht öffentlich vorgeführt werden und tatsächlich die Geschlossenheit, die Abgeschlossenheit wesentliche Teile des Rituals bilden, was noch auszuführen sein wird.

Totalitäre Staaten und Systeme, die das Denken der Menschen beeinflussen und kontrollieren wollen, erkennen Geheimnisse ihrer „Untertanen“ aus naheliegenden Gründen nicht an und wollen wissen, was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, denn die Vorgänge dort könnten ihre Existenz gefährden. Sie wollen deswegen Treffen der Menschen überwachen und nur solche Organisationen zulassen, die sie selbst kontrollieren können, der freie und mündige Bürger ist ihnen ein Gräuel, da er selbst bestimmen möchte, was er denkt und tut. Die Logen legen aber Wert auf den – wie sie es nennen – freien Mann, den freien Bürger, der an der Entwicklung der Gesellschaft mitwirken möchte. Damit kollidieren sie zwangsläufig mit totalitären und ideologisierten Systemen, die dann dazu neigen, die Logen zu verbieten oder die Mitgliedschaft in ihnen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu sanktionieren.

In jüngerer Zeit ist es der Freimaurerei zudem zum Vorwurf gemacht worden, dass sie traditionell keine Frauen aufnimmt. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im Zeichen der Frauenemanzipation wog dieser Vorwurf schwer, gerade weil Emanzipation eine der Aufgaben der Freimaurerei ist, die sich dann aber scheinbar widersinnigerweise nicht auch auf Frauen beziehen sollte. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird dies indessen wieder weniger als relevant betrachtet, da allgemein anerkannt wird, dass es eben doch auch im gefühlsmäßigen Erleben Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, die auch unterschiedlich durchlebt werden müssen, so dass es folgerichtigerweise reine Männerlogen gibt, es vermehrt aber auch zur Gründung von eigenen Frauenlogen kommt, wie zum Beispiel dem Maria-Orden, der seine Wurzeln in Norwegen hat.

Eine weitere, allerdings ältere Hypothek haben die Logen im 20. Jahrhundert mit sich geschleppt, nämlich der nationalen Unzuverlässigkeit. Die Freimaurerei gilt – nicht zu Unrecht – als internationalistisch. Sie sieht die Menschen, alle Menschen, als Brüder an – heute müsste man korrekterweise sagen: als Geschwister – die Kinder ein und desselben Gottes sind. Eine solche Einstellung erlaubt selbstverständlich einen gesunden Patriotismus und Stolz auf das eigene Land und die eigene Nation, sie erlaubt indessen kein überheblichkeitsoder überlegenheitsgefühl anderen Nationen gegenüber. Die nationalen Kriege des 20. Jahrhunderts, vor allem der 1. Weltkrieg hatten dann dazu geführt, den Freimaurern eine Mitschuld an der Niederlage zu geben, weil sie angeblich nicht vorbehaltlos für ihr Vaterland gekämpft oder gar mit dem Feind paktiert hätten. ähnliche Vorwürfe trafen die Juden, aber auch die Sozialisten, die ja ebenfalls internationale Verbindungen hatten. Vor allem General Ludendorff (1865–1937) war Vorreiter im Kampf gegen die Freimaurerei.

Die deutsche Freimaurerei erschütterte diese Vorwürfe schwer, waren doch die meisten ihrer Mitglieder Angehörige des Bürgertums, die um ihren sozialen Status fürchteten, die aber auch häufig als Offiziere tapfer im 1. Weltkrieg für ihr Vaterland gekämpft hatten und häufig hoch dekoriert aus dem Felde zurückkamen. In dieser Situation wollten sie ihre nationale und bürgerlich standesbewusste Gesinnung nicht in Zweifel ziehen lassen, wobei ein Bekenntnis zu einem neu zu schaffenden Europa in Einigkeit und zur überwindung der Klassenschranken zwar in Einklang mit der eigenen Geschichte gestanden hätte, tatsächlich auch nötig gewesen wäre, sicherlich aber von der allgemeinen Gesellschaft und dem Zeitgeist auf tiefste Ablehnung gestoßen wäre.

In diesem Zusammenhang ist auf die allgemeine Geschichte der Freimaurerei einzugehen, von der angenommen werden sollte, dass sie – wie eigentlich fast alle geschichtlichen Phänomene – klar erforscht wäre. Dies ist indessen tatsächlich nicht der Fall. Auch dies liegt einmal in der mangelnden offiziellen schriftlichen überlieferung, vieles ist nur durch „Verräterschriften“ bekannt geworden und ist entsprechend gefärbt, später lag es an einem mangelnden Interesse der Geschichtsschreibung, was sich erst in unseren Tagen ändert.

Gesichert ist, dass sich am 24. Juni 1717, also dem Feiertag Johannis des Täufers, vier bestehende Logen in London zur ersten Großloge zusammenschlossen. Der Zusammenschluss geschah im Gasthaus „Goose and Gridiron“ – Gans und Bratrost1. Der 24. Juni 1717 gilt seither als Geburtstag der Freimaurerei, kann jedoch lediglich als der Geburtstag der modernen Freimaurerei betrachtet werden, denn es muss ja auch schon vorher Logen gegeben haben, die sich ansonsten nicht hätten zusammenschließen können.

Heute ist es allgemein anerkannt, dass die Geschichte der heutigen Freimaurerei aus mehreren Quellen gespeist wird: Das Gedankengut der Aufklärung spielt nach wie vor eine große Rolle, vor allem in der Ausformung des Postulats der Humanität, der Toleranz und der überwindung der von Menschen geschaffenen Schranken, seien sie ideologischer oder sozialer Natur. Der eigentliche Ursprung der Freimaurerei liegt aber tiefer.

Das Wirtshaus „Zur Gans und zum Bratrost
Das Wirtshaus „Zur Gans und zum Bratrost“

Sie nimmt Traditionen der Mysterienbünde der Antike auf, was im Ritual und der Pflicht zur Geheimhaltung deutlich wird, sie enthält aber auch Vorstellungen der Gnosis und der mittelalterlichen Mystiker, wie sie etwa bei Meister Eckhart (ca. 1260–1328) zum Ausdruck kommen, etwa in der Trennung von Leib und Seele und der Forderung an den Menschen, ein „homo divinus“, ein göttlicher oder besser geistbestimmter Mensch zu sein und als solcher an dem permanenten Schöpfungswerk Gottes in seinem Sinne teilzunehmen.

Die Hauptquellen freimaurerischen Gedankenguts sind allerdings die Vorstellungen der mittelalterlichen Dombauhütten. In ihnen wurden zunächst die Lehrlinge, dann die Gesellen und schließlich die jungen Meister in der Kunst ihres Handwerks unterrichtet. Dabei gab es offenbar eine strenge Sitzordnung und ritualisierte Abläufe, die sich vermutlich noch heute in der Loge im Ritual abbilden. Ganz wichtig war auch die Pflicht zur Geheimhaltung der handwerklichen Kenntnisse, damit das Monopol der Bauhütten und der dort ausgebildeten Steinmetzen erhalten bleiben konnte, eine Tendenz, die das Handwerk generell bis heute immer wieder durchzogen hat und an der schließlich auch die Gewerbefreiheit des 19. Jahrhunderts wenig ändern konnte.

Bis heute sind die Beziehungen der Freimaurerei zu den alten Bauhütten offensichtlich, was bereits in der Bezeichnung zum Ausdruck kommt, wonach „freemasons“ jene Maurer sein sollen, die den Stein „frei“hauen, bearbeiten, Steinmetzen also. Das Wort Loge bezeichnet den Raum, in dem die Steinmetze arbeiteten, und schließlich dann die Bauhütte insgesamt. Winkelmaß und Zirkel sind Werkzeuge der Steinmetze, aber auch wichtige Symbole der Freimaurerei, wie andere Symbole auch: das Senkblei, das Lot, die Kelle, der behauene und unbehauene Stein und der Hammer.

Wer einmal eine Logenarbeit erlebt hat, kann sich leicht vorstellen, dass so oder so ähnlich auch die Zusammenkünfte in den Bauhütten der Dombaumeister stattgefunden haben könnten.

Der Schritt von der handwerklichen oder Werk-Maurerei zur – wie es die Freimaurer selbst nennen – „spekulativen Maurerei“ ist geistig leicht nachzuvollziehen. Denn der Vergleich zur Entwicklung des Menschen zu einem „ordentlichen“ Glied der Gesellschaft, in dem der Mensch an sich arbeitet, Regeln einhält, andere Menschen respektiert, sich in die Gesellschaft „einfügt“ – ein Begriff aus der Maurerei, der sogar im alltäglich Sprachgebrauch vorkommt – ist leicht gefunden, und er ist sehr plastisch und sprechend. Die Notwendigkeit der Umdeutung der Begrifflichkeiten muss indessen einhergegangen sein mit den Aufnahmen von Mitgliedern in die alten Logen oder Bauhütten, die keine Handwerker, keine Steinmetze waren. Die Frage erhebt sich: Wann und warum öffneten sich plötzlich die Bauhütten der Werk-Meister und für wen?

Obwohl nicht unumstritten, spricht vieles dafür, hier eine Verbindung zum Templerorden zu suchen. Der Templerorden war einer der drei Kreuzritterorden neben dem Johanniterorden und dem Deutschen Orden. Der Orden wurde 1119 gegründet und diente dem Schutz der Pilger nach Jerusalem. Er gelangte schnell zu großem Ruhm und Reichtum, wurde aber 1312 von Papst Clemens V. wegen angeblicher Entartung verboten, und der letzte Großmeister Jacques de Molay am 18. März 1314 hingerichtet. Der erste Angriff auf den Orden erfolgte übrigens am Freitag, dem 13. Oktober 1307, weswegen heute noch Freitag, der 13. als Unglückstag gilt. Zahlreiche Mythen sind mit der Geschichte des Ordens verbunden, und bis heute sind die wahren Hintergründe des Verbots und der Anschuldigungen gegen die Templer nicht vollständig geklärt, abgesehen von der unbestreitbaren Tatsache, dass der französische König Philipp IV., der Schöne (König von 1285–1314), sich den Besitz der Templer aneignen wollte.

Unbestritten ist außerdem, dass die Templer in Palästina in Kontakt zu der einheimischen, meist muslimischen Bevölkerung mit ihrer damaligen der europäischen überlegenen Kultur standen.

Nach dem Verbot der Templer sollen zahlreiche Ordensritter vor allem Aufnahme in Schottland gefunden haben und dort in den mit dem Orden verbundenen Bauhütten, die man nicht verbieten konnte und wohl auch nicht wollte, weil man zum Weiterbau der großen Kirchen diese Bauhütten oder „lodges“-Logen benötigte. Durch diesen Aufnahmevorgang kam es dann zwangsläufig zu einer Umdeutung des ursprünglich rein handwerklichen Inhalts der Bauhütten, wobei vieles dafür spricht, dass beides, Werkmaurerei und spekulative Maurerei, nebeneinander bestanden haben dürften. Im Zuge der politischen Auseinandersetzungen des 17. Jahrhunderts auf der britischen Insel kristallisierten sich, wohl beeinflusst durch die – spekulative – Freimaurerei, starke und konträre gesellschaftliche, religiöse und politische Forderungen in England und Schottland heraus, insbesondere persönliche für Freiheitsund Gleichheitsrechte des erstarkenden Bürgertums gegen die absolutistischen Tendenzen des Königtums. Damals sind durchaus Logen in Schottland und England nachgewiesen, die dann den Boden für die Gründung der ersten Großloge in London im Jahre 1717 legten und damit für die moderne Freimaurerei.

Wie aber kann heute Freimaurerei definiert werden, wie kann man sich ihrem Geheimnis nähern und welche Bedeutung hat sie heute?

Einige dieser Fragen beantworten sich aus der Geschichte, doch werden daraus immer nur Teilaspekte deutlich, so dass auch aus dem subjektiven Erleben der Freimaurerei weitere Antworten gegeben werden müssen. Geschichtlich bedingt ist die Tatsache des Männerbundes: Bauhütten nahmen schließlich nur Männer auf. Dies wurde lange gegen die Logen ausgelegt, hat sich aber auch unter dem Licht zeitgenössischer Erkenntnis als durchaus folgerichtig herausgestellt, solange Frauen ein ähnlicher Erlebnisweg geöffnet ist. Ein anderes Beispiel: Die Freimaurerei praktiziert ihre ritualmäßigen Treffen nicht öffentlich und wahrt eine gewisse Diskretion, was ebenfalls historisch bedingt ist, sich gleichwohl aber als wichtig erweist, weil dadurch einmal der Erlebnisrahmen nicht gestört werden kann, andererseits aber auch Missverständnisse hinsichtlich des Rituals und seiner Inhalte vermieden werden. – Verräterschriften haben gleichwohl immer zu erheblicher Gedankenverwirrung beigetragen, weil es eben doch einen Unterschied macht, ein Ritual zu erleben oder es nachzulesen.

Was aber verfolgt die Freimaurerei und wozu verwendet sie ein an den Bauhütten orientiertes Ritual? Die immer wieder gegebene Antwort der ethischen Verbesserung des Menschen und seine Hinwendung zur Toleranz, Mitmenschlichkeit, aber auch Standhaftigkeit und Mut in den Dingen des Lebens ist richtig, aber eben doch eher pauschal und allgemein.

Der Grundgedanke der Freimaurerei ist letztlich doch wohl der einer Teilnahme am göttlichen Werk für diese Welt, für die Menschen, jeden Einzelnen von uns. Ausgehend von zwei Gedanken eröffnet sich dem Menschen ein weites Verantwortungsfeld. Die beiden Gedanken fußen auf Meister Eckhart: Das Schöpfungswerk ist noch nicht vollendet, Gott – bei den Freimaurern als „dreifach Großer Baumeister der ganzen Welt“ bezeichnet – baut also, um in der Sprache zu bleiben, weiter. Wenn Gott aber weiter baut und er in uns einen, seinen göttlichen Funken gesetzt hat – das ist der zweite Gedanke – dann hat er uns auch aufgerufen, an seinem Schöpfungswerk mitzuarbeiten, allerdings nur in einem minimalen, uns gemäßen und möglichen Rahmen, aber auch in diesem in Verantwortung der gesamten andauernden Schöpfung gegenüber.

So gesehen sind wir dann wirklich nach seinem Bilde geschaffen, sind sein Ebenbild und haben die Chance, an seinem Plan und damit seinem Reich mitzuarbeiten, wodurch der Ausspruch Jesu, wonach das Reich Gottes mitten unter uns, ja in uns sei, verständlich wird. – Wir sollen also am Heilsund damit Schöpfungsplan Gottes mitwirken, und zwar an der Stelle, an die er uns gestellt hat, ein weiterer Grund dafür, dass die Freimaurerei Klassenund Rassenunterschiede verbietet.

Da die entsprechende Aussage Jesu eine zentrale Stelle unserer Betrachtung einnimmt, sei sie hier noch einmal im Wortlaut des Neuen Testaments zitiert
(Lukas 17, 20–21):
Da er aber gefragt ward von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes? Antwortete er ihnen und sprach: ‚Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; Man wird auch nicht sagen: Siehe, hier; oder: da ist es. Denn sehet das Reich Gottes ist inwendig in euch.‘
Der Gedanke der anhaltenden Schöpfung ist dabei nicht abwegig, sondern durch die moderne Wissenschaft und die Erkenntnis des sich ständig ausdehnenden und verändernden Weltalls gestützt. Zweierlei Einschränkungen sind indessen an diesen Gedanken vorzunehmen: Zum einen ist der Aktionsradius unseres Tuns natürlich sehr beschränkt, unser Vermögen – menschenbedingt – klein und auf unser soziales Umfeld und unsere unterschiedlichen Möglichkeiten bezogen, andererseits aber müssen wir natürlich wissen, wie wir zu handeln haben: Wir brauchen Anweisung und Planung. Der Christ und damit auch der Freimaurer, der sich zum Christentum bekennt, besitzt in der Bibel Erkenntnis und Richtschnur für sein Handeln. Insofern ist die Freimaurerei weder Kirche noch Sekte, da sie das Gottesbild des Menschen nicht ausgestaltet und festlegt, wohl aber auf Gott hinweist und den Menschen zu ihm bringen möchte wie Johannes der Täufer, der ausdrücklich auf Jesus hinweist, der der Erlöser ist.

Diesen Weg hin zu Gott, zu einem sinnerfüllten Leben möchte die Freimaurerei durch ihre Lehren, vor allem aber auch durch ihr Ritual bereiten. Dabei geht es ihr, wie es der Freimaurer Goethe in seinem Gedicht „Symbolum“ ausdrückt, darum, die „Kräfte des Guten zu üben“, was dadurch gelingt, dass der Mensch auf das Gute verwiesen wird, darauf, das Gute zu erkennen und dann danach zu handeln. Dies geschieht einmal durch die Beschäftigung mit der entsprechenden Materie durch Vorträge im ritualmäßigen Versammlungsraum der Freimaurer, dem Tempel.

Es geschieht aber auch durch ein altes, aber hoch entwickeltes System sinnlicher Erfahrung, was wahrscheinlich das eigentliche und tatsächliche Geheimnis der Freimaurerei ist.

Die Freimaurerei geht dabei von einer scheinbar sehr modernen überlegung aus, dass alle Eindrücke, Erfahrungen und Informationen sich letztlich immer nur in unserem Kopf, in unserem Gehirn abspielen oder widergespiegelt werden.

J. W. von Goethe im 80. Lebensjahr
J. W. von Goethe im 80. Lebensjahr,
Ölgemälde, Karl Joseph Stieler, 1828

Dazu dienen uns unsere Sinnesorgane: Augen, Ohren, Geruchsund Tastsinn. Wir können nur das wahrnehmen und verarbeiten, was von unserem Gehirn über die Sinne aufgenommen wird. Alle Informationen durchlaufen dabei einmal den Filter der Wahrnehmung selbst – also sehen wir alles, hören wir alles, fühlen wir alles oder lassen wir bewusst oder unbewusst Informationen aus. Es gibt aber auch noch einen zweiten Filter, nämlich den unseres Urteils, beziehungsweise Vorurteils. Wir neigen dazu und laufen Gefahr, die Dinge, Vorgänge und menschliche Handlungsweisen so zu sehen, wie wir sie sehen möchten. Kopf ist in diesem Zusammenhang also durchaus doppeldeutig zu verstehen: mit dem Kopf und durch den Kopf; mit dem Kopf, also mit den Sinnesorganen und dem Verstand, durch den Kopf mit unseren Gefühlen und den verschiedensten Prägungen, die wir durchlaufen haben.

Wenn wir aber bestimmte Wahrnehmungen unter bestimmten negativen Vorzeichen zu sehen geneigt sind, kann dieses Vorzeichen auch umgedreht werden, wir können uns so determinieren, also bestimmen, dass wir Vorgänge und Menschen zunächst einmal gutwillig und positiv betrachten. Zum Beispiel: Menschen, die wir nicht mögen, begegnen wir entsprechend. Umgekehrt sind wir freundlich und aufgeschlossen denen gegenüber, die wir mögen. Wir können uns aber angewöhnen, allen Menschen positiv gegenüber zu treten.

Damit würden wir unser und das Leben der anderen freundlicher und angenehmer gestalten, wir würden die Kräfte des Guten üben, wie Goethe sagt. Im Ritual der Logen wird genau diese Sichtweise geübt, aber auch das Wissen vermittelt, um die Anwesenheit Gottes in der Welt und das Licht, das er in die Dunkelheit unseres Lebens trägt. Dies geschieht zum Beispiel durch die symbolische Sichtbarmachung des Lichtes Gottes unter den Menschen, durch Sichtbarmachung der Ordnung die das menschliche Leben zusammenhält, oder dadurch, dass Gewissen und Vernunft, zwei Maßstäbe unseres Handelns, versinnbildlicht werden.

Es wäre zu befürchten, dass diese Methode Menschen fremdbestimmt machen könnte. Dennoch ist das Gegenteil der Fall, die Freimaurerei möchte die Menschen frei machen und auch frei erhalten, frei gegenüber neuen Entwicklungen, frei gegenüber anderen Menschen, aber auch politischen Systemen, frei vor allem von eigenen Vorurteilen. Der aufgeschlossene, sich aber dem Schöpfungswerk Gottes verpflichtete Mensch ist das „Erziehungsziel“ der Freimaurerei, ein – wie wir meinen – allgemein erstrebenswertes Ziel, und sicherlich ein Ziel, das von einer offenen und freiheitlichen Gesellschaft geteilt werden kann. Recht bedacht ist es ein Ziel aller Menschen und der gesamten Gesellschaft.

Auch das hier Gesagte ist nicht das abschließende Wort über die Freimaurerei, sondern eine durchaus aus subjektivem Nachdenken entwickelte kritische Überzeugtheit, wie es bei einem so komplexen Phänomen, wie es die Freimaurerei ist, nicht anders sein kann. Und so bleibt dann auch nachzutragen, dass natürlich auch die Freimaurerei selbst kein monolithischer Block ist – gerade auch, weil sie keine Dogmen kennt und im Laufe der Zeit unterschiedliche Richtungen angenommen und unterschiedliche Zweige hervorgebracht hat.

Die Grundüberzeugung und die ritualmäßigen Wurzeln sind allerdings immer die gleichen, und sie sind bei manchen – eher äußerlichen – Unterschieden, immer wieder erkennbar.

So möge es auch bleiben.