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Freimaurer und Politik - Freimaurer Husum

 

Freimaurer und Politik

Auf keinem Feld des gesellschaftlichen Diskurses mit der Freimaurerei hat es soviel Missverständnisse und falsche Behauptungen, ja Verleumdungen gegeben wie bei dem Thema „Freimaurerei und Politik“. Um es gleich zu Anfang sehr deutlich zu sagen: Es gibt keine freimaurerische Weltverschwörung, es gibt keine „Geheimen Oberen“, die politisch lenken würden, die Freimaurerei selbst ist keine politisch handelnde Größe, sie ist keine Partei und sie bildet keine Regierung. Politische, insbesondere parteipolitische Gespräche, sind in der Loge verpönt.

In den „Alten Pflichten von 1723“, gleichsam dem Grundgesetz aller Freimaurer auf der Welt, herausgegeben von Reverend James Anderson, findet sich bereits im Hauptstück II eine Regel „Von der bürgerlichen Obrigkeit der höchsten und der untergeordneten“. Anderson schreibt:

„Der Maurer ist ein friedfertiger Untertan der bürgerlichen Gewalt, wo er auch wohnet und arbeitet, und muss sich nie in Meuterei oder Verschwörung gegen den Frieden und die Wohlfahrt der Nation einlassen, noch sich pflichtwidrig gegen die Unterobrigkeit betragen.“

Das erscheint sehr eindeutig. Es folgt dann jedoch eine Stelle, die anscheinend die ganz klare Aussage in eine bestimmte Richtung relativiert und die lautet:

„Sollte daher ein Bruder ein Empörer gegen den Staat sein, so muss er in seiner Empörung nicht bestärkt werden, obgleich er als ein unglücklicher Mann zu bemitleiden ist, ja, wird er keines anderen Verbrechens überführt, kann – wenngleich die treue Brüderschaft seine Empörung missbilligen soll und der bestehenden Regierung weder Vorwand noch Grund zu politischer Eifersucht geben darf – sie ihn doch nicht aus der Loge stoßen und sein Verhältnis zu derselben bleibt unverletzlich.“

Abschnitte I und II der „Alten Pflichten
Orginaltext der Abschnitte I und II
aus den „Alten Pflichten" (1723)

Mit anderen Worten: Die Loge selbst soll in einem solchen Fall – nämlich dass sich ein Mitglied gegen den Staat empört – ihn nicht unterstützen noch der Regierung Grund geben, sich gegen die Loge zu wenden, sie darf den Empörer aber auch nicht aus diesem Grunde ausstoßen, sie soll also neutral bleiben. Das erscheint zunächst widersprüchlich, ist es aber letztlich nicht. Es ist zwar nicht Aufgabe der Loge, Politik zu betreiben, sie soll sich vielmehr aus der Politik heraushalten, aber sie verbietet ihren Mitgliedern selbst nicht, ihrerseits Politiker zu werden und sich am politischen Leben zu beteiligen. Wie diese ihre politische Betätigung ausgestalten, obliegt allein ihnen, allerdings muss sie natürlich in Einklang mit den freimaurerischen Vorstellungen stehen, sie darf also nicht gegen die persönlichen Freiheiten gerichtet sein, sondern muss die Rechte des Individuums respektieren, sie muss von den Gedanken der Toleranz bestimmt werden, darf also beispielsweise nicht rassistisch oder diskriminierend sein.

Es gibt aber natürlich auch Regime, die ihrerseits diese Grundprinzipien missachten. Was geschieht in einem solchen Fall? Auch in einem solchen Fall hält sich die Loge selbst zurück, sie schließt aber auch nicht den Bruder aus, der sich gegen die bestehenden Zustände auflehnt, denn eine solche Auflehnung geschieht letztlich aus freimaurerischer Überzeugung heraus. Die an sich recht merkwürdige Formulierung in den alten Pflichten hat sicherlich ihren Grund darin, dass zur Zeit ihrer Entstehung das Vereinigte Königreich durchaus kein Musterbeispiel eines Idealstaates war, in dem freimaurerische Grundüberzeugungen – Gleichheit vor dem Gesetz, Beteiligungsrechte der Bürger am Staat, Meinungs- und Gewissensfreiheit – verwirklicht waren und so ein offenes Bekenntnis für ein Widerstandsrecht damals kaum möglich war.

Unter diesen Umständen ist es dann auch nicht verwunderlich, dass gerade im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert freiheitliche Bewegungen in verschiedenen Ländern von Freimaurern angeführt wurden. Der große Einfluss von Freimaurern bei der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika ist allgemein bekannt, so waren 50 von 55 Mitgliedern der konstitutiven Nationalversammlung und unter anderem sämtliche Gouverneure der 13 Gründungsstaaten Freimaurer. Der Einfluss von Freimaurern in den USA war daher lange Zeit sehr groß. (An dieser Stelle bedarf es einer Erklärung: Ausführungen zu dem Thema Politik und Politiker und die Freimaurerei finden sich in dem Buch von Robert A. Minder, Freimaurer Politiker Lexikon, Innsbruck 2004. Minder stellt einen Rückgang des Einflusses der Freimaurer und der Zahl der Freimaurer in den USA aus verschiedenen Gründen fest, die hier erwähnt werden sollen, weil sie indirekt Auskunft über das Wesen der Freimaurerei geben. Zu den Gründen, die in unserem Zusammenhang interessant sind, zählen nach Minder: Zu große Nähe zu den immer stärker werdenden Service Clubs unter Verlust der Spiritualität, weitgehender Ersatz der Symbolik durch grandiosen und pompösen Formalismus. letztlich ein anscheinend vielfach ungeklärtes Verhältnis zu nichtweißen Brüdern. Minder aaO., S.246)

Harro Harring
Harro Harring

 

Zu den Freiheitskämpfern, die Freimaurer waren, gehören: Giuseppe Garibaldi (1807–1882) in Italien; Lajos Kossuth (1802– 1894) in Ungarn; Kemal Atatürk (1881–1938) in der Türkei; Simon Bolivar (1783–1830) in Südamerika und unzählige weitere Brüder Freimaurer, unter anderem auch der in Wobbenbüll in der Nähe von Husum geborene Harro Harring (1789–1870), dessen unstetes Leben ihn nach Griechenland, Polen und Südamerika führte, um die dortigen Revolutionen zu unterstützen.

Trotzdem sind die Revolutionäre unter den politisch tätigen Freimaurern doch eher die Ausnahme, unzählige Brüder haben an der Erstellung und Festigung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung westlicher Prägung mitgearbeitet, ein Erbe, auf das die Freimaurerei stolz sein kann: Karl August Freiherr von Hardenberg (1750–1822), Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein (1757–1831), Gustav Stresemann (1878–1929), Carl von Ossietzky (1889–1938). Es fällt aber auch auf, wie viele Fürsten ebenfalls Brüder Freimaurer waren, wie etwa Friedrich II. von Preußen (1712–1786) und unzählige andere, vor allem in den skandinavischen Ländern, Großbritannien und Deutschland.

Von den drei letzten deutschen Kaisern waren zwei bekennende Freimaurer, nämlich Wilhelm I. und Friedrich III., Wilhelm II. hingegen nicht.

Festzuhalten bleibt trotz aller Verbindung von Freimaurern zur Politik, dass die Freimaurerei als solche keinen Einfluss auf die Politik nimmt, wohl aber einzelne Politiker, die Freimaurer sind und sich in ihrem politischen Handeln auf freimaurerische Ideale und Vorstellungen stützen. Das galt in früheren Zeiten, das gilt auch heute noch.