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Toleranz in unserer modernen Gesellschaft - Freimaurer Husum

 

Toleranz in unserer modernen Gesellschaft

 

 

Eine der Grundlagen unserer heutigen westlichen Lebensform ist sicher die Toleranz, die erst in den vergangenen 300 Jahren – seit der Aufklärung – zu ihrer heutigen Form entwickelt wurde. Gleichzeitig ist sie eine freimaurerische Grundhaltung.

Der Streit um das Kopftuchverbot und die Reaktionen der muslimischen Welt auf Karikaturen des Propheten Mohammed in einer dänischen Tageszeitung sind aktuelle Themen, die uns dazu zwingen, die Grundlagen der Toleranz zu erforschen sowie unseren eigenen Standpunkt dazu zu bestimmen.

Der 16. November wurde von der UNESCO zum internationalen Tag der Toleranz ernannt. Sie ist gemäß der "Erklärung von Prinzipien der Toleranz" der UNESCO "eine notwendige Voraussetzung für den Frieden und für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung aller Völker".

Der Begriff Toleranz wird heutzutage häufig verwendet und teilweise arg strapaziert; häufig hat man den Eindruck dass es sich um eine Floskel handelt und nur bedeutet, Menschen anderer Herkunft, Kultur oder anderen Glaubens neben sich zu dulden. Das ist aber zu kurz gegriffen.

Warum brauchen wir überhaupt die Toleranz? Man braucht sie, weil wir leider oder glücklicherweise nicht immer alle einer Meinung sind. Wären wir alle immer einer Meinung, müsste man überhaupt nichts erdulden. Da es aber überall Unterschiede gibt, muss man überlegen, wie man mit anderen Meinungen und anderen Lebensweisen umgehen will.

Hinter dem Begriff Toleranz verbirgt sich eine wesentliche gesellschaftliche Frage: Wie gehe ich mit meinen eigenen Vorstellungen und Überzeugungen, mit dem, was ich denke, für richtig halte, also: Wie gehe ich mit meiner Vorstellung der Wahrheit um?

Toleranz und Wahrheit

In allen wichtigen Fragen unseres Lebens gehen wir davon aus, dass es eine Wahrheit gibt. Zum Beispiel geht man in der Medizin davon aus, dass es Medizin gibt, die heilt, und andere angebliche Medizin, die es eben nicht tut. Aber es kann auch noch eine ganz andere Wahrheit geben.

In Israel haben im Jahr 2000 alle Fachärzte und alle Krankenhäuser über viele Wochen gestreikt, so dass nur noch die Allgemeinmediziner für die Kranken zur Verfügung standen. Eine Umfrage bei den Bestattern nach Ende des Streiks ergab, dass in dieser Zeit wesentlich weniger Menschen gestorben sind. Das ist auch so eine Wahrheit.

Wir brauchen im Leben eine bestimmte Verlässlichkeit, eine bestimmte Wahrheit also. Wahrheit heißt Lebensorientierung und Verlässlichkeit. Wir brauchen sie und haben sie alle auch für uns gefunden. Vielleicht haben wir aber noch nicht darüber nachgedacht, worauf wir unsere Wahrheit eigentlich gründen.

Wir haben diese Wahrheiten, weil wir ohne sie gar nicht leben können.
Was sind das aber für Orientierungen, nach denen wir leben? Und wie ist es da eigentlich mit der Toleranz bestellt? Der Mann, der zuerst eine Wahrheitstheorie entwickelte, die die Idee der objektiven Wahrheit mit der Idee unserer grundsätzlichen Fehlbarkeit verbunden hat, war der antike griechische Philosoph Xenophanes, wohl um 571 vor Christus in Kleinasien geboren. Er begründete die so genannte skeptische Schule, auf der später Sokrates, Erasmus von Rotterdam, Voltaire und andere aufbauten. Das Wort Skepsis bedeutet nicht etwa "zweifeln", sondern genauer "prüfend betrachten, prüfen, erwägen, untersuchen, suchen, forschen".

Xenophanes
(571 v.Chr. – 475 v.Chr.)

In der Zeit der Antike lebten bei den alten Griechen und Römern viele Götter nebeneinander, aber keiner beanspruchte für sich die vollkommene Wahrheit. So war fast jeder auf diese Weise in seinem Glauben weitgehend frei.

Mit dem Aufkommen der drei großen monotheistischen Religionen, also Judentum, Christentum und Islam, gibt es auf einmal ein Problem: Jeder meint, die alleinige Wahrheit zu besitzen. Im Laufe der Jahrhunderte, besonders im dunklen Mittelalter, führt die Intoleranz zum Beispiel zur Inquisition mit Hexenverbrennungen und grausamer Folter Andersgläubiger, den Kreuzzügen und Unterdrückung von Minderheiten.

Erst im 17. und 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklärung, entwickelte sich in Europa die Überzeugung, dass ein wesentlicher Bestandteil für die Bewältigung der uns allen gestellten Probleme die Toleranz als mit ethischen Werten ausgestattete Lebensweisheit sein kann.

In einer Zeit von absolutistischer Unterdrückung, blutiger Religionskriege und Verfolgung und Vertreibung Andersdenkender – man denke nur an die Hugenotten oder die nach Amerika ausgewanderten Puritaner – suchten kluge, empfindsame und nachdenkliche Menschen nach Perspektiven für die Zukunft.

Die Zukunft sollte nicht nur ruhiger, sondern vor allem humaner sein. Philosophen wie John Locke im Jahre 1689 mit seinen "Briefen über die Toleranz" verbreiteten den Toleranzgedanken.

Toleranz in Religion und Staat

Das Wort "Toleranz" ist erst im 16. Jahrhundert, also im Zeitalter der Reformation, aus dem Lateinischen und Französischen entstanden. In diesem Zusammenhang hatte es zunächst nur die engere Bedeutung als Rechtsbegriff der Duldsamkeit gegenüber anderen Religionen angenommen, der vom Staat her eben rechtlich zu gewährleisten war.

Friedrich der Große prägte den Satz, dass in seinem Preußen jeder nach seiner Façon selig werden solle. Er nahm viele protestantische Franzosen, also die Hugenotten, bei sich in seinem Reich auf und zeigte so religiöse Toleranz.

Friedrich der Große
(1712 - 1786)

Im Englischen wird der Begriff "tolerance" als Verhaltenstugend deutlicher vom Begriff "toleration" als Rechtsbegriff unterschieden als früher im Deutschen. Heute verbinden wir den Begriff "Toleranz" mit beidem; der toleranten Rechtsordnung und der politischen Tugend des toleranten Umgangs.

Die Philosophen und Autoren der Aufklärung, besonders Voltaire und Lessing, verhalfen der religiösen Toleranz in der westlichen Gesellschaft nachdrücklich zum Durchbruch, auch wenn noch heute religiöse Intoleranz für viele Probleme auf der Welt verantwortlich ist. Man denke nur an den nahen Osten.

Das schönste Beispiel für Toleranz als sittliche Verhaltensregel zusammen mit der religiösen Neutralität des Staates ist die Ringparabel aus Lessings "Nathan der Weise", zuerst aufgeführt 1779. Hier wird die Duldung verschiedener Religionen nebeneinander damit begründet, dass keiner von drei Söhnen beweisen kann, wer den echten, den wahren und einzigen Ring des verstorbenen Vaters besitzt. So soll man auch keiner der drei Religionen den Vorzug geben.

Vor Gott sind alle gleich; und diejenige ist die beste, die am meisten mit den anderen in der von Vorurteilen freien Liebe wetteifert.

Auf den Bereich der politischen Toleranz konnte die Toleranzvorstellung jedoch auch im 20. Jahrhundert in Europa noch nicht übertragen werden, denn sonst hätte es Kommunismus und Nationalsozialismus nicht gegeben. Politische Meinungsverschiedenheiten haben hier Hunderte Millionen Todesopfer gefordert.

In vielen Ländern der Welt kommt es heute zu Problemen mit der Toleranz in Bereichen wie Trennung von Staat und Religion etwa in islamischen Ländern, Rauchen von Tabak zum Beispiel in den USA und neuerdings auch in vielen europäischen Ländern, kritischer politischer Literatur und Publizistik, wobei natürlich die Probleme in manchen Fällen durch den Konflikt zwischen persönlicher Freiheit des Einen und einer möglichen Schädigung des Anderen entstehen.

In einem Wörterbuch der Philosophie ist der Begriff der Toleranz in etwa so definiert: Toleranz heißt das Erdulden von anderen Meinungen. Dulden, Hinnehmen, Respektieren. Das heißt, jemand hat eine Meinung und erduldet eine andere. Man könnte auch sagen: Wer keine Meinung hat, der kann gar nicht tolerant sein, weil das ja dann ausfällt. Die Steigerung von "keine Meinung haben" ist dann die Ignoranz.

Man muss also zunächst einmal eine eigene Meinung haben, aber sich trotzdem der Grenzen des eigenen Wissens bewusst sein.

Ein toleranter Mensch lässt eine intuitive Gefühlsreaktion, die oft auf Grund von allgegenwärtigen Vorurteilen ins Bewusstsein gelangt, nicht als Grundlage für eine abschließende Bewertung gelten. Dieses Nicht-Nachgeben gegenüber solchen Gefühlslagen wird im Sinn der Toleranz zu einer Charakter prägenden Übung, die das Entstehen dieser irrational negativen Gefühlsreaktionen vermindert und die tolerante Grundhaltung dieses Menschen festigt.

Grenzen der Toleranz

Es geht aber nicht nur um die Wahrheit, zu der man eine Meinung hat, sondern auch um inhaltliche Bewertungsfragen. Von daher steht jeder Mensch und auch jeder Staat immer wieder vor der Frage: Wo ist die Grenze der Toleranz? Denn Toleranz hat eine Grenze, muss eine Grenze haben, denn sonst wäre es einfach Beliebigkeit, also eine Egal-Haltung. Und niemand kann letztendlich mit einer solchen Egal-Haltung leben.

Wir können uns also nicht von allem zurückziehen und kommen um Urteile und Bewertungen zu bestimmten Dingen nicht herum. Auch ein Staat muss sich immer wieder die Frage stellen, wo denn die Grenzen der Toleranz sind, zum Beispiel bei Terroristen oder religiösen Irrlichtern. Kein Staat kann dulden, dass seine Staatsbürger von anderen Bürgern umgebracht werden. Kein vernünftiger Staat kann Kindesmisshandlung, Folter oder kriegerische Attacken einfach hinnehmen.

Es gibt also Grenzen der Toleranz; man erduldet andere Meinungen nur bis zu einem bestimmten Grad. Wo die Grenzen liegen, muss immer wieder neu diskutiert werden. Eine tolerante Gesellschaft kann keine solche Intoleranz zulassen, die sie zerstören würde.

Der deutsche Philosoph Karl Jaspers sagte: "Die äußerste Grenze, den Menschen nicht mehr als solchen zu behandeln, ist dort gegeben, wo er im Besitz brutaler, gesetzloser Gewalt gegen mich ist."

Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, muss der Intoleranz mit Intoleranz begegnet werden, anderes Handeln wäre gleichbedeutend mit Selbstaufgabe bzw. vielleicht sogar Selbstmord. Der Widerstand der Toleranten muss sich gegen Vertreter des Typus Mensch wie Stalin und Hitler richten, die andere Menschen verstümmeln, zerstören oder vergewaltigen. Um mit Ignatz Bubis zu sprechen, sollten wir uns von den Feinden der Demokratie nicht in die "Toleranz – Intoleranz – Falle" locken lassen. Natürlich müssen bei der Abwehr der Intoleranz – ganz gleich, in welcher intellektuell noch so verbrämten Form sie daherkommt – die Regeln unseres Rechtsstaats beachtet werden. Doch keine dieser Regeln lautet: Ihr sollt euch alles gefallen lassen. Darum verlangt richtig verstandene Toleranz von uns auch ein entschiedenes Eintreten für sie.

Wie verschieden auf unserer Welt heute noch Toleranz praktiziert wird und wie unterschiedlich sich der Gedanke der Aufklärung auf unserem Globus bisher durchgesetzt hat, zeigt für mich ein Interview (noch aus dem Jahr 2005) im SPIEGEL mit dem jungen syrischen Präsidenten Assad, der lange Jahre in London als Student gewohnt hat. Er berichtet in dem Interview, dass in England ein Buch erschienen sei, in dem der Autor behauptet, dass Jesus einige Kinder gehabt habe. Kein Mensch regte sich darüber auf. Ein ähnliches Buch in Syrien über den Propheten Mohammed mit einer ähnlichen Behauptung hätte nach seiner Einschätzung einen Volksaufstand zur Folge. Wie wir in diesen Tagen mit den Reaktionen auf die dänischen Karikaturen sehen, eine durchaus realistische Einschätzung.

Toleranz und Freiheit

Wir alle sind sicher auch geprägt von unserem Umfeld und unserer Herkunft. Der Autor Günther Anders gibt uns ein schönes Beispiel. Er wird von seinen christlichen, jüdischen und muslimischen Studenten gefragt, ob er denn nicht auch für die Freiheit der Religionen und für die Toleranz sei.

Seine Antwort: "Den Religionen, zu denen wir uns bekennen, gehören wir kaum je aus freien Stücken an, sondern aus dem Zufall heraus, dass wir gerade in diese eine Religion – und in keine andere – hineingeboren worden sind. Unsere Zugehörigkeit ist also ein Stück Unfreiheit. Und das umso mehr, als ja die dogmatischen und rituellen Systeme, die die jeweilige Religion darstellen, durchweg unsere Freiheit beschneiden, nämlich uns vorschreiben, was wir zu glauben oder nicht zu glauben, zu verehren oder zu verabscheuen, zu tun oder nicht zu tun haben – kurz gesagt: Die Religionen selbst sind Systeme der Unfreiheit."

Die Studenten fanden keine Gegenargumente.

"Wenn nun eine Freiheit der Religionen gewährleistet wird, so bedeutet das doch, dass es uns erlaubt wird, bei denjenigen Systemen der Unfreiheit, in die wir durch Geburt, also unfrei, hineingeraten sind, zu verbleiben, und andererseits, dass diese Organisationen die Freiheit genießen, ihre jeweiligen spezifischen Freiheitsberaubungen zu praktizieren. Das Ganze läuft dann unter dem Namen "Toleranz" und hat doch wohl mit Freiheit nicht viel zu tun."

Diese, wie ich finde, interessante, außergewöhnliche und des Nachdenkens würdige Sichtweise von Günther Anders wollte ich uns nicht vorenthalten.

Thesen für ein neues Verhaltensethos

Nach diesen allgemeinen Betrachtungen nun zu praktischen Dingen. Wie können wir für uns in unserem beruflichen und vielleicht auch privaten Umfeld Toleranz praktizieren und auch umsetzen? Der bekannte Philosoph Karl Popper, der im Jahr 2003 100 Jahre alt geworden wäre, schlägt eine neue Berufsethik vor, die mit der Idee der Toleranz und der intellektuellen Redlichkeit eng zusammen hängt.

Die alte Berufsethik war auf die Idee des persönlichen und sicheren Wissens gegründet und damit auf die Idee der Autorität. Das Ideal war, Wahrheit und Sicherheit zu besitzen und die Wahrheit möglichst durch einen logischen Beweis zu sichern. Auch heute ist das noch weitgehend akzeptiert: Das Ideal des Wissenden, des Weisen, der eine Autorität ist.

Karl Popper
(1902 - 1994)

Diese Ethik verbietet es hier, Fehler zu machen. Ein Fehler ist nicht erlaubt und nicht vorgesehen. Daher dürfen Fehler nicht zugegeben werden. Deshalb ist diese alte professionelle Ethik natürlich intolerant und auch unredlich. Sie führt zum Vertuschen von Fehlern um der Autorität willen, zum Beispiel in der Medizin.

Nun zum Vorschlag von Karl Popper für eine neue Berufsethik. Er geht zunächst von bestimmten Einsichten aus und entwickelt daraus ein Ideal für unsere Verhaltensweise:

  • Man muss sich fragen: Was kann man wissen? Das gesamte vorhandene Wissen ist so komplex und geht weit darüber hinaus, was ein einzelner Mensch wissen kann. Es kann daher gar keine absoluten Autoritäten geben.
     
  • Es ist unmöglich, alle Fehler zu vermeiden oder auch nur alle eigentlich vermeidbaren Fehler. Fehler werden dauernd gemacht. Nur wer nicht arbeitet, macht keine Fehler.
     
  • Natürlich sollen wir weiterhin uns bemühen und es bleibt unsere Aufgabe, Fehler nach Möglichkeit zu vermeiden. Aber gerade deshalb müssen wir uns darüber klar werden, wie schwer das ist und dass es niemandem voll und ganz gelingen wird.
     
  • Auch in den am besten bewährten Vorstellungen, angeblichen Wahrheiten und Theorien können Fehler enthalten sein – und es ist unsere ständige Aufgabe, nach solchen Fehlern zu suchen. Wir sollen daher zu alternativen Vorstellungen tolerant sein. Wir brauchen nicht mit der Toleranz zu warten, bis die alte Vorstellung in Schwierigkeiten gerät. Es kann eine wichtige Entdeckung sein, dass eine bisher gut bewährte Idee oder ein oft verwendetes praktisches Verfahren fehlerhaft ist.

Was haben diese vier bisherigen Thesen nun für Folgen? Welchen Einfluss müssen diese Einsichten auf unser ganz persönliches und individuelles Verhalten haben?

  • Aus dieser Erkenntnis der Fehlbarkeit heraus müssen wir die Einstellung zu unseren Fehlern ändern, denn die alte Ethik führte dazu, unsere Fehler zu vertuschen und so schnell wie möglich zu verheimlichen.
     
  • Das neue Grundgesetz ist, dass wir, um zu lernen, Fehler möglichst zu vermeiden, gerade von unseren Fehlern lernen müssen. Die Fehler zu vertuschen, ist daher eine große intellektuelle Sünde.
     
  • Wir müssen daher dauernd nach unseren Fehlern Ausschau halten. Wenn wir sie finden, müssen wir sie uns gut einprägen und von allen Seiten analysieren, um ihnen auf den Grund zu gehen.
     
  • Daher muss eine ständige selbstkritische Haltung und die Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst und auch anderen zur selbst auferlegten Pflicht werden.
     
  • Da wir ja von unseren Fehlern lernen müssen, so müssen wir auch lernen, es anzunehmen, ja dankbar zu sein, wenn andere uns auf unseren Fehler aufmerksam machen. – Wenn wir auf der anderen Seite andere auf ihre Fehler aufmerksam machen, dann sollen wir uns immer daran erinnern, dass wir selber ähnliche Fehler gemacht haben wie sie. Auch die größten Wissenschaftler und andere Persönlichkeiten haben Fehler gemacht. Das soll nicht heißen, dass Fehler normalerweise immer entschuldbar sind: Wir dürfen in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen. Aber es ist menschlich unvermeidbar, dass immer wieder Fehler gemacht werden.
     
  • Wir müssen uns darüber klar werden, dass wir andere Menschen dringend zur Entdeckung und Korrektur von Fehlern brauchen – sie uns natürlich auch —; besonders auch Menschen, die mit anderen Ideen in einer anderen Umgebung aufgewachsen sind. Auch diese Einsicht führt zur Toleranz.
     
  • Wir müssen lernen, dass Selbstkritik die beste Kritik ist, dass aber die Kritik durch andere Menschen eine Notwendigkeit ist. Sie ist fast ebenso gut wie die Selbstkritik.
     
  • Eine rationale Kritik muss immer spezifisch auf eine Vorstellung oder Idee eingehen; sie muss immer spezifische Gründe angeben, warum eine bestimmte Aussage oder Hypothese falsch zu sein scheint oder warum bestimmte Argumente ungültig sind. Die Kritik muss von der Idee geleitet sein, der tatsächlichen Wahrheit immer näher kommen zu wollen. Sie muss also in diesem Sinn unpersönlich sein.

Warum eigentlich fällt es vielen Menschen, auch uns ganz persönlich, oft so schwer, tolerant zu sein?

Bei den meisten Menschen ist es sicher oft Bequemlichkeit, sich mit Andersartigen oder Andersdenkenden zu beschäftigen.

Für viele bedeutet die Toleranz gegenüber anderen einen teilweisen Verlust und Angriff auf die eigenen Identität und Kultur. Bei einer rationalen Auseinandersetzung mit anderen ist man möglicherweise gezwungen, sein eigenes Sein zu überdenken. Das ist unbequem; dafür ist Mut erforderlich. Wir sehen also: Tolerant zu sein, ist nie bequem und heißt arbeiten an sich selbst. Der Begleiter der Toleranz sollte nicht Gleichgültigkeit, sondern ein aktives Auseinandersetzen mit anderen Menschen sein. Nur so kann es zu einer gelebten Gleichberechtigung unter uns Menschen mit verschiedenen Rassen, Glauben oder Ansichten kommen.

Öffnet man sich anderen Meinungen, Kulturen und Moralvorstellungen, so muss dies jedoch sicher nicht zwangsläufig bedeuten, dass die eigenen Wertvorstellungen ablegt werden müssen. Oft wird man sich über seinen eigenen Standpunkt dadurch erst wesentlich klarer.

Quellen, u. a.:
Ulrich Wickert: Das Buch der Tugenden, Hoffmann u. Campe 1995
Jürgen Habermas: Wann müssen wir tolerant sein? ; Vortrag von 2002