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Aufstieg, Niedergang und Wiedererrichtung - Freimaurer Husum

 

Aufstieg, Niedergang und Wiedererrichtung

 

 

Die Anfänge unserer Loge

Von seinem Eisenbahnunfall am 10. Januar 1906 kurz vor der Gründung der Loge erholte sich der Logenmeister Br. August Claußen schon bald. Schwer traf ihn aber, dass im November 1906 sein Sohn Friedrich einem Raubmord im Zug zum Opfer fiel. Br. Claußen lenkte sich mit Nebentätigkeiten ab. Er war Vorsitzender des Lehrervereins „An der Treene“ und wurde in die Schuldeputation und die Kirchenvertretung hineingewählt. Viel Freude machte es ihm als im Ruhestand lebender Seminarlehrer, anderen mit seiner Feder zu helfen. Er setzte Testamente auf, machte Eingaben an die Behörden, verfasste Verträge, schrieb Briefe für andere und wurde so vielen Menschen in Husum ein Freund und Helfer.

Mit besonderer Hingabe aber widmete er sich der Loge und sorgte für deren Zuwachs. Noch in seiner Amtsperiode wurden Brüder wie Max Böttcher (*02.11.1884, aufg. 25.11.1909, Zeichen- und Turnlehrer am Gymnasium) aufgenommen, der durchgehend engagiert als Senior der Loge noch Anfang der 1950er Jahre ein Amt ausgeübt hat. Logenmeister August Claußen verstarb dann nach kurzer Krankheit am 11. Dezember 1912 im Alter von 70 Jahren an einem Lungenödem.

 

August Claußen, Logenmeister 1906–1912
August Claußen,
Logenmeister 1906–1912

Zum neuen Logenmeister wurde Br. Wilhelm Clausen aus Husum gewählt. Von ihm ist uns kein Bild mehr überliefert. Die Ölbilder der ersten beiden Logenmeister sind leider seit 1933 verschollen und nicht wieder aufgetaucht. Wilhelm Clausen war erst am 14.03.1909 in Husum zusammen mit Boy Jan Hamkens, Amtsvorsteher aus Kotzenbüll, aufgenommen worden und hatte sich aufgrund seiner persönlichen Vorbildung (Prof. Dr. phil., Oberlehrer am Gymnasium) schon nach kurzer Zeit als Redner bewährt.

Auch Wilhelm Clausen bewirkte eine hohe Anziehungskraft der Loge in der Öffentlichkeit auf interessierte Männer, so dass die Mitgliederzahl weiter stieg.

Das Beamtenkollegium hatte zum 9. Stiftungsfest am 25. März 1914 folgende Besetzung:

  • Logenmeister: Br. Wilhelm Clausen aus Husum, Gymnasial-Oberlehrer, Prof. Dr. phil.,
    (* 04.09.1867, aufgenommen 14.03.1909)
  • 1. Abgeordneter Logenmeister: Br. Carl Otto Ratfisch aus Garding, Dr. med., Sanitätsrat
    (*27.06.1849, aufgenommen 26.11.1884)
  • 2. Abgeordneter Logenmeister: Br. August Lähndorff aus Husum, Gymnasiallehrer,
    (*09.08.1876, aufg. 12.02.1906)
  • 1. Aufseher: Br. Albert Peters aus Husum, Bankvorsteher (*05.04.1871, aufgenommen 30.05.1899)
  • 2. Aufseher: Br. Ernst Kähler aus Friedrichstadt, Fabrikdirektor (*22.07.1871, aufgenommen 10.02.1903)
  • Sekretär: Br. Wilhelm Ivers aus Husum, Bankvorsteher (*19.09.1873, aufgenommen 07.06.1906)
  • Redner: Br. Heinrich Schuster aus Husum, Kaufmann (*19.01.1876, aufgenommen 03.03.1907)
  • Schatzmeister: Br. Heinrich Thomsen aus Rödemis, Zollinspektor
    (*10.05.1849, aufgenommen 22.04.1886)
  • Zeremonienmeister: Br. Carl Witt aus Husum, Kaufmann (*13.03.1875, aufgenommen 23.01. 1910)
  • Wachthabender: Br. Simon Jansen aus Husum, Bürovorsteher (*29.01.1867, aufgenommen 06.06.1905)

Der Erste Weltkrieg begann bald nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares in Sarajewo am 28. Juni 1914. Auch Husumer Br. Freimaurer wurden natürlich eingezogen. Eine Sammlung von Kriegsberichtsblättern über die Erlebnisse von Logenmitgliedern in der Zeit von 1915 bis 1919 ist uns erhalten geblieben. Mitgliederverzeichnisse wurden in der Kriegszeit nicht gedruckt, aber die Logenarbeiten fanden regelmäßig statt, jedoch mit etwas geringerer Beteiligung. In den jährlichen Trauerlogen wurde der gefallenen Brüdern gedacht.

In der Weimarer Republik

Nach dem Ende des ersten Weltkrieges entwickelte sich die Loge „Zur Bruderliebe an der Nordsee“ kontinuierlich und positiv weiter. Sie besaß eine große gesellschaftliche Anziehungskraft. Feiern im dafür räumlich sehr geeigneten Logenhaus fanden statt, die regelmäßigen Logenarbeiten wurden meist zweimal im Monat am Donnerstag durchgeführt. Nach den Arbeiten kam man zu Gesprächen am großen Tisch zusammen. Die Mitgliederzahl stieg weiter an.

Mitglieder der Loge waren in dieser Zeit aus der Husumer Geschäftwelt die Brüder Kaufleute Heinrich Schuster, Carl Witt, Ernst Iben, Karl Jans, Wilhelm Hansen, Jens Lassen, Johannes Jensen, Gustav Mohr und Herrmann Gehlsen (dieser *06.11.1901).

Die Holzhändler Carl Christiansen (*09.06.1871) aus Husum, Hans Kölln aus Friedrichstadt, der Baumaterialienhändler Ernst K.A. Schröder aus Heide waren ebenso Mitglied der Husumer Freimaurerloge wie die Husumer Bauunternehmer Max Struve und August Peek, der mit seinen Mitarbeitern schon das Logenhaus 1905/1906 erbaut hatte.

Beim Husumer Zeitungsverleger Br. Bruno Schlüter wurden die Mitgliederverzeichnisse gedruckt. Aber auch der Friedrichstädter Zeitungsverleger Br. Ernst Emil Pfeiffer war Mitglied der Husumer Loge.

Im Sparkassen- und Bankenbereich tätig waren die Husumer Brüder Carl Carstensen, Claus Wilh. Fr. Heesch, Friedrich Hansen und Wilhelm Ivers.

Neben dem Logenmeister Br. Wilhelm Clausen und Br. Max Böttcher gab es noch eine Reihe von weiteren Lehrern in der Loge, so die Brüder Lorenz Klüwer, Heinrich Karstens und Ernst Ahrenstorf.

Auch einige Viehhändler waren Mitglied, so Br. Christian Benn und Br. und Senator a.D. Goslar Carstens – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Rechtsanwalt – und der Tierarzt Br. Johannes Thomsen sowie Sanitätsrat Dr. med. Carl Thoms.

Der Husumer Bürgermeister Werner Mensching (*11.11.1882) war am 26.01.1922 aufgenommen worden, ebenso der Stadtbaumeister und Senator Klaus Cornils (*13.09.1877, aufg. 15.06.1922). Der Bredstedter Bürgermeister Peter Langgreen (*01.06.1874) wurde am 28.02.1924 zum Freimaurer aufgenommen.

Der Landrat des Kreises Husum war der Br. Heinrich Clasen (*01.11.1887, aufg. 17.11.1920). Br. Clasen war mit Br. Ludwig Nissen befreundet, der es in Nordamerika zu Wohlstand gebracht hatte und dort zum Freimaurer aufgenommen worden war. Heinrich Clasen besuchte Ludwig Nissen einige Male in New York. Bekanntlich setzte dieser die Stadt Husum als Erbin seines Vermögens ein. So entwickelte sich nach seinem Tod 1924 die Nissen- Stiftung als Trägerin eines nordfriesischen Museums, des dann 1934 bis 1937 erbauten Nissen-Hauses.

Das Beamtenkollegium zum 21. Stiftungsfest am 25. März 1926 wurde wie folgt besetzt:

  • Logenmeister: Br. Wilhelm Clausen
  • 1. Abgeordneter Logenmeister: Br. August Lähndorff
  • 2. Abgeordneter Logenmeister: Br. Heinrich Thomsen
  • 1. Aufseher: Br. Albert Peters
  • 2. Aufseher: Br. Herrmann Gehlsen aus Husum, Holzhändler (*16.03.1872, aufg. 17.05.1904)
  • Sekretär: Br. Georg Matthiesen aus Husum, Lehrer (*30.08.1878, aufg. 05.01.1922)
  • Redner: Br. Hans Lesch aus Husum, Rektor (*20.10.1872, aufgen. 10.11.1918)
  • Schatzmeister: Br. Hermann Matthiesen aus Husum, Bankvorsteher (*13.10.1887, aufg. 12.05.1921)
  • Zeremonienmeister: Br. Arthur Peters aus Husum, Kaufmann (*30.11.1876, aufg. 06.06. 1919)
  • Schaffner: Br. Heinrich Mordhorst aus Husum, Weinhändler (*04.08.1878, aufg. 11.09.1913)
  • Stv. 1. Aufseher: Br. Friedrich Reiher aus Husum, Kaufmann (*28.07.1874, aufg. 11.09.1913)
  • Stv. 2. Aufseher: Br. Wilhelm Lerch aus Husum, Kaufmann (*17.03.1879, aufg. 18.01.1912)
  • Stv. Redner: Br. Lorenz Conrad Peters aus Husum, Studienrat, Dr. (*11.01.1885, aufg. 17.11.1920)
  • Stv. Sekretär: Br. Heinrich Oskar Kraft aus Husum, Bankdirektor (*18.03.1878, aufg. 21.01.1909)
  • Stv. Schatzmeister: Br. Peter Jans aus Husum, Kaufmann (*09.02.1883, aufg. 11.01.1912)
  • Stv. Zeremonienmeister: Br. Friedrich Hr. Andresen aus Tetenbüll, Mühlenbesitzer (*26.03.1870, aufg. 30.05.1899)
  • Wachthabender: Br. Simon Jansen aus Husum, Bürovorsteher (*29.01.1867, aufg. 06.06.1905)
  • Stv. Wachthabender: Br. Wilhelm Henkens aus Husum, Kaufmann (*03.11.1866, aufg 16.10.1913)

Die finanzielle Lage war gut. So konnten aus Spenden der Bruderschaft und den Sammlungen der Armenkasse einzelne unverschuldet in Not geratene Familien und Bürger aus Husum unterstützt werden, wie dies in Freimauerlogen allgemein seit jeher schon aus der Tradition der Bauhütten heraus üblich ist.

Im Jahre 1927 stellte sich nach 15 Jahren Amtszeit der Logenmeister Wilhelm Clausen nicht mehr zur Wiederwahl.

Abwehrkampf

Die unter Freimaurern so genannte „dunkle Zeit“ machte auch vor Husum nicht halt. Schon im Jahr 1924 trat zur Wahl der Husumer Stadtvertretung ein bürgerliches Bündnis mit dem Motto „Rechts geht der Kurs“ an.

Im Jahr 1927 erschien die Schrift „Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse“ des Generals Ludendorff, in dem sich Geschichtsklitterung, Rassenwahn, Hetze und blinder Hass wieder finden. Seine Gedanken nahmen die deutsch- völkischen „Tannenbergbündler“ auf, die auch nördlich von Husum sehr aktiv waren. Diese führten durch Aussendung von anti- freimaurerischen Wanderrednern wie den Freiherrn von Seld einen heftigen Kampf gegen die Freimaurer und andere Gruppen.

Hans Lesch
Hans Lesch,
Logenmeister 1927–1931

 

Im „Mythus des 20. Jahrhunderts“ (1930) und anderen Texten des Nazi-Chefideologen Alfred Rosenberg wie „Freimaurerische Weltpolitik im Lichte der kritischen Forschung“ (1929) werden Freimaurer, Juden, Sozialisten, Kommunisten und Jesuiten gleichgesetzt und als internationalistische „überstaatliche Mächte“ angegriffen. Einem nationalsozialistischen Weltbild mit Anspruch auf eine totale nationale Unterordnung widersprachen überstaatliche Mächte natürlich völlig, machten verdächtig und mussten daher bekämpft werden.

Zum 22. Stiftungsfest am 26. März 1927 wurde der am 20. Oktober 1882 in Bargen geborene Rektor der Mädchen-Bürgerschule, Br. Hans Hinrich Lesch, Logenmeister in Husum. Er war am 10. November 1918 in die Husumer Loge aufgenommen worden.

Noch am 18. November 1927 schreibt der neue Logenmeister an seinen Freund, den friesischen Landesgroßarchivar der Großen Landesloge, Br. Witt-Hoe, nach Berlin:
„Die Ludendorffangelegenheit habe ich kürzlich in einem Vortrag in unserer Loge behandelt, und es war natürlich ein leichtes, die Brüder von der Haltlosigkeit der in der Schrift aufgestellten Behauptungen zu überzeugen. Immerhin hat die Schrift auch in Husum und Umgegend Beachtung gefunden. Eine Winkelbuchhandlung hatte sie öffentlich ausgelegt und hat auch guten Absatz gehabt. Als die Sache mir bekannt wurde, bin ich zu dem Herrn hingegangen und habe ihn gefragt, ob er auch wisse, was er ausgelegt habe. Er hatte das Buch natürlich gar nicht gelesen. Ich klärte ihn dann auf und bemerkte auch dabei, dass er doch etwa 120 angesehene Husumer Bürger vor den Kopf stoße. Daraufhin war er dann auch gleich bereit, die Schrift aus der Auslage verschwinden zu lassen. ... Gerade unter der wenig orientierten Landbevölkerung hat Ludendorff in einer für uns wenig erfreulichen Weise gewirkt. So hat sich hier in Husum kürzlich ein Bauer erkundigt, ob der Landrat Freimaurer sei, und als die Frage bejaht wurde, sagte der Bauer, dann wolle er mit dem „Kerl“ nichts mehr zu tun haben; denn was mit den Freimaurern los sei, das habe ihn Ludendorff gelehrt.“

Allerdings muss Br. Hans Lesch schon bald die Freimaurerei auf Veranstaltungen des Tannenbergbundes und eigenen Gegenveranstaltungen in ganz Schleswig-Holstein verteidigen. Der freimaurerische Abwehrkampf beginnt. Hans Lesch klärte über die durch die nationalsozialistische Propaganda verbreiteten – und noch heute in der Bevölkerung nachwirkenden – Schauermärchen auf.

Br. Lesch und andere Brüder stellten sich eindeutig gegen die NSDAP. Die Nationalsozialisten sprachen von der „Freimaurerstadt Husum“.

Weil Juden in Husum kaum vorhanden waren, gaben hier eben die Freimaurer das Feindbild für die örtlichen Parteigrößen ab. Die Zeiten wurden für die Brüder immer schwieriger. Br. Lesch berichtet seinem Freund Br. Witt-Hoe über eine Veranstaltung am 18. Februar 1928 in Nortorf:
„Als wir etwa eine Stunde vor der Versammlung in Nortorf ankamen, war das Lokal schon so besetzt, dass wir weder Stuhl, noch etwas zu essen oder zu trinken bekommen konnten und uns mühsam zur Bühne durchkämpfen mussten. Die Leute stiegen zuletzt durch die Fenster, und viele mussten noch wieder umkehren. Es waren wohl 700 Personen anwesend, für einen so kleinen Ort wie Nortorf mit seinen reichlich 3000 Einwohnern allerhand. Wir hatten diesmal den Vorteil, dass die Versammlung von unserer Seite ausging, so dass wir also das erste und auch das letzte Wort hatten. Ich sprach zu Anfang etwa anderthalb Stunden, wiederum ganz prinzipiell, und zwar über die Judenfrage, über unsere nationale bzw. internationale Einstellung und über die Frage des Geheimnisses. Ich hatte die Versammlung vollständig in der Hand, es fiel kaum eine Bemerkung dazwischen.
Als erster Gegenredner trat dann der Admiral von Rosenberg auf, dessen Ausführungen sich auf einem niedrigen Niveau hielten, dass es sich kaum der Mühe verlohnt hätte, sich damit auseinanderzusetzen. Er behauptete, alle seine Angaben beweisen zu können, blieb aber für jede seiner Anschuldigungen den Beweis schuldig und wollte dann damit auskriechen, dass ihm nicht die erforderliche Zeit zur Verfügung gestanden hätte. Der zweite Redner war ein Herr Laffrenz aus Nortorf, der sich in noch viel schmutzigeres Fahrwasser bewegte als sein Vorredner und der durch den Leiter der Versammlung damit abgefertigt wurde, dass er ihn unter die Nase rieb, wie er, Laffrenz, bei der Demobilisierung lange Finger gemacht habe und dafür bestraft worden sei. Und so etwas ist Mitglied bei den Völkischen!
Dann kam der Vertreter und Beauftragter Ludendorffs (so nannte er sich selbst!), Herr Siebrat, Führer des Tannenbergbundes, Abteilung Hamburg, so ein kleiner Kriegsoberleutnant, der nichts weiter vorbrachte als die Hochverratsgeschichte des Br. Grafen Dohna, die Ludendorff auch schon in Hamburg verzapft hatte und deretwegen er, wenn ich nicht irre, unter Anklage steht. Dann kam als letztes der Übel natürlich Herr v. Seld mit dem üblichen Gewäsch. Er genierte sich nicht, wieder einmal die Sachen wegen des Br. Joachim aufzutischen.
Für uns sprach dann Br. Krickau- Neumünster, der besonders Herrn v. Rosenberg und Herrn v. Seld die Peitsche durchs Gesicht zog in seiner bekannten nachdrücklichen Weise. Dann sprach noch ein Herr Voß vom Alldeutschen Verband sehr zu unseren Gunsten, und dann bekam ich das Schlusswort. Da Br. Krickau schon schwerstes Geschütz aufgefahren hatte, konnte ich wieder in ruhigeres Fahrwasser einlenken, und das gelang auch vollkommen. Die vorher furchtbar aufgeregte Versammlung wurde sehr schnell wieder ruhig und hielt auch bis Ende aus. Ich glaube dass die Gegenseite den kürzeren gezogen hat, und auch die Nortorfer Brüder waren der Ansicht, dass der Abend unendlich viel zur Klärung beigetragen habe und dass vor allen Dingen die Bedrängung im geschäftlichen Leben durch die Völkischen aufhören würde. Möge es so sein!“

Allein in den Monaten Januar und Februar 1929 trat der Br. Hans Lesch gemäß vorliegenden Spesenabrechnungen an die Große Landesloge auf insgesamt 18 Abwehr- und Aufklärungsversammlungen sowie in Tageszeitungen angekündigten Vortragsabenden in Todenbüttel, Garding, Heide, Uetersen, Schülp/ Nortorf, Süderbrarup, Bredstedt, Rendsburg, Hohenwestedt, Altrahlstedt und Leck auf.

Mit außerordentlicher Hingabe setzte er sich als brillanter Redner und exponierteste Persönlichkeit für das Ansehen der Großen Landesloge und der Freimaurerei überhaupt im Bereich von Schleswig-Holstein und darüber hinaus ein.

Eine zeitlang konnten so aufgrund der freimaurerischen Aufklärungsarbeit die Angriffe nationaler und nationalistischer Verbände und Parteien eingedämmt werden. Eine kurze Zeit im Frühjahr 1930 sah es so aus, als wenn die Angriffe aufgehört hätten.

Am 21. Februar 1930 wurde Br. Hans Lesch einstimmig bei eigener Enthaltung für den Zeitraum von drei Jahren als Logenmeister wieder gewählt. Er baute als Archivar eine Bibliothek mit 400 Bänden freimaurerischen Inhalts auf, die später dann ab 1933 leider vollständig verloren ging.

Br. Lesch, der in der Woldsenstraße 7 wohnte, war wegen seiner kränklichen Frau und seiner drei Kinder oft in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, wie in Husum allgemein bekannt war. Wegen seiner außerordentlichen Leistungen im Abwehrkampf wurde er von der Großloge und anderen Brüdern und Logen aus Schleswig- Holstein finanziell unterstützt.

Anfang März 1930 wurde an der Mädchen-Bürgerschule für den „Verein für das Deutschtum im Auslande“ ein Betrag von rd. 400 Mark für Nordschleswig gesammelt. Schulleiter Hans Lesch schickte das gesammelte Geld unvorsichtigerweise und fahrlässig im Briefumschlag zusammen mit anderen Unterlagen wie den Sammellisten zum Verein nach Kiel, wo es jedoch angeblich nicht ankam. Sofort kamen aus daran interessierten Kreisen Verdächtigungen wegen einer vermuteten Unterschlagung auf; über die Angelegenheit wurde in der Presse ausführlich berichtet. Br. Lesch ist leider nicht immer richtig mit der Angelegenheit in der Öffentlichkeit umgegangen, was die Unterstellungen nicht gerade beruhigte.

Am 21. August 1930 legte Br. Lesch wegen eines eingeleiteten Ermittlungsverfahrens sein Amt als Logenmeister nieder und übergab es an seinen Stellvertreter, den Bankdirektor Br. Albert Peters, weil er sich vorläufig für die Führung dieses Amtes nicht geeignet hielt.

Mit Erschütterung und großem Bedauern sahen viele Brüder diesen verdienstvollen und tüchtigen Logenmeister aus seinem Amt scheiden. Auch im schleswig-holsteinischen Abwehrkampf gegen die nationalistischen Ludendorffer und Tannenbergbündler hinterließ er eine kaum mehr auszufüllende Lücke.

Auch in der Husumer Loge gab es in dieser Zeit viele Sympathien für die nationale Sache, wenn auch die Mehrheit zwar politisch eher konservativ, zum Teil monarchistisch, aber eben nicht nationalsozialistisch war.

Eine Schwächung ihrer Mitgliederzahl erfuhr die Husumer Loge durch die Gründung der Freimaurerloge „Georg zur Dithmarscher Treue“ in Heide. Am 02. November 1930 wurde hier das Licht eingebracht. Die Heider Loge ging aus einer seit 1880 bestehenden freimaurerischen Vereinigung hervor, die sich seit dem Jahres-wechsel 1928/29 unter die Husumer Loge „Zur Bruderliebe an der Nordsee“ gestellt hatte bzw. von der Marner Loge „Dithmarsia“ nach Husum überwiesen worden war. Der erste Logenmeister in Heide, der Heider Studienrat Br. Georg Nöldeke, ist im Mitgliederverzeichnis zum 23. Stiftungsfest am 23. März 1929 noch als Redner in Husum geführt. Er war allerdings erst kurz vorher angenommen worden.

Niedergang

Anfang 1931 nahmen die Angriffe der Ludendorffer und Tannenbergbündler wieder zu. Am 26. Februar 1931 erschien unter „Husum und Umgegend“ ein ausführlicher Zeitungsbericht „Für und wider die Freimaurerei“ über eine dreistündige Veranstaltung am 25. Februar 1931 im Thomas-Hotel. Br. August Lähndorff, seinerzeit Rektor der Knaben-Bürgerschule, hielt hier einen Vortrag zum Thema Freimaurerei und wurde dabei von Br. Hans Lesch unterstützt. Auch hier gab es Angriffe seitens der Tannenbergbündler, viele Diskussionsteilnehmer wurden namentlich genannt.

Dieser Zeitungsbericht brachte für die Husumer Brüder leider viel Unruhe und nicht, wie erwartet, Aufklärung. Als Freimaurer bekannte Geschäftsleute in Husum und Umgebung wurden zwar nicht organisiert, aber doch merkbar von vielen Kunden wirtschaftlich boykottiert. Dieser wirtschaftliche Druck nahm bis 1933 immer mehr zu. Eigentlich interessierte Männer wurden dadurch natürlich abgeschreckt, Mitglied der Loge zu werden.

Am 22. April 1931 nahm Br. Hans Lesch das Logenmeisteramt wieder auf, weil das Ermittlungsverfahren gegen ihn eingestellt worden war. Er legte es jedoch schon am 04. Mai 1931 wegen nicht völlig verstummender Kritik endgültig nieder. Später wurde er dann gemäß einer Zeitungsnotiz der Husumer Nachrichten vom 04. Juli 1933 von den Nationalsozialisten aus dem Schuldienst entfernt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von 1949 bis 1962 erneut Logenmeister, diesmal jedoch in Heide, wo er dann – inzwischen zum Schulrat befördert – lebte und auch die wiedererrichtete Husumer Loge gelegentlich besuchte. Er verstarb im Alter von 82 Jahren am 11. September 1965.

Auf der Suche nach einem neuen Logenmeister wurden zunächst der Altlogenmeister Clausen und der ehemalige Husumer Landrat Br. Clasen genannt. Am 19. Juni 1931 wurde der Altlogenmeister Br. Wilhelm Clausen erneut zum Logenmeister für den Zeitraum Stiftungsfest 1931 bis 1934 gewählt. Als Abgeordneter Logenmeister wurde Br. Lorenz Conrad Peters ernannt. Am 08. November 1931 wurde dann Br. Wilhelm Clausen erneut als Logenmeister eingesetzt.

Im Februar 1932 hatte die Husumer Loge nur noch 63 Mitglieder. Die finanzielle Lage der Loge war daher sehr schlecht. Die Beiträge gingen zurück, Dachreparaturen und Umbauten wurden dringend erforderlich.

Die Lage in Deutschland war im Jahr 1932 fast überall die gleiche. Die Brüder Freimaurer und sämtliche Logen wurden stark angegriffen und standen unter hohem äußeren Druck. In 1932 erreichten die Nationalsozialisten im Kreis Husum 69 Prozent der Wählerstimmen.

Am 4. Dezember 1932 berichtet der Logensekretär Br. Hans Röhr, Steuerinspektor in Rödemis, an die Große Landesloge in Berlin: „Heute gibt es wieder etwas zu berichten! Die Ortsgruppe der NSDAP Husum ist aufgelöst. Der Kassierer hat aus seiner Aktentasche 1500,– RM »verloren«, dem Küchenmeister der Nothilfe der NSDAP ist das eingepökelte Schwein »weggelaufen«. Der Vorsitzende ist sang- und klanglos entlassen“.

Aber die stille Hoffnung, dass der Druck auf die Brüder nachlassen würde, trog. Tatsächlich überwand die Ortsgruppe sehr schnell wieder ihre Krise.

 

Dr. Lorenz Conrad Peters
Dr. Lorenz Conrad Peters,
Logenmeister 1933

Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und der steigenden Anforderungen wollte und konnte Br. Wilhelm Clausen sein Amt nicht weiter ausüben. Als Logenmeister wurde daher Br. Lorenz Conrad Peters, der wohl schon 1931/32 als Abgeordneter Logenmeister die Logenangelegenheiten maßgeblich bestimmt hatte, am 17. Februar 1933 fast einstimmig von den nur 13 anwesenden und stimmberechtigten Brüdern gewählt.

Lorenz Conrad Peters, geboren am 11. Januar 1885 in Oeversum auf der Insel Föhr, war Studienrat am städtischen Lyzeum, der Theodor-Storm-Schule, und sehr engagiert in der friesischen Bewegung. Er war am 17. November 1920 in Husum zum Freimaurer aufgenommen worden.

Sehr bekannt wurde Br. Peters durch seine friesische Komödie „Ohme Petjer üt Amerika“ (Onkel Peter aus Amerika). Sein wichtigstes Werk als Herausgeber ist wohl „Nordfriesland - Heimat- buch für die Kreise Husum und Südtondern (Verlag C.F. Delff, Husum, 1929). Weiterhin war er im Vorstand der Nissen-Stiftung maßgeblich am Konzept und der ersten Einrichtung des Nissenhauses beteiligt.

Logenschliessung

Das Umfeld und die Stimmung in diesen Tagen mögen nur einige Daten beleuchten: Ernennung von Hitler als Reichskanzler am 30. Januar 1933, Reichstagsbrand am 27. Februar 1933, Reichstagswahlen am 05. März 1933, der Tag von Potsdam am 21. März 1933, Ermächtigungsgesetz am 23./24. März 1933.

Am 23. März 1933 verfasste Br. Peters einen Text an die noch verbliebenen Brüder, in dem es u.a. heißt:
„In einer Zeit ernstester Krisis für unseren Orden in Sonderheit für unsere Husumer Loge hat das Vertrauen der Brüder mich in das Amt des Hammerführenden Meisters berufen. Unendlich schweren Herzens habe ich die Wahl angenommen, denn das so ehrenvolle Amt bringt gegenwärtig nur Verdruss und Enttäuschung, ja Anfeindungen und Gefahren. Die große nationale Bewegung der Gegenrevolution, die auch wir Maurer mit Jubel begrüßen, ist auf ihrem radikalen Flügel – unbegreiflicher- und tiefbedauerlicherweise! – unserem Orden erbittert feindselig gesinnt. Wir Freimaurer sind für Millionen von Volksgenossen heute das „rote Tuch“, sind Verfemte, Minderwertige, sind Staatsbürger zweiten Ranges ... Da ist es nun meine Pflicht als neu gewählter Logenmeister, meine Ordensbrüder zum Ausharren, zum Widerstande aufzurufen, und ich tue das mit Überzeugung und Entschlossenheit, denn die gänzlich unbegründeten Anfeindungen reizen mich zur Auflehnung gegen den Massenirrtum, steifen mir den Rücken zum Kampf für die Wahrheit durch treues Festhalten an dem, das ich einmal als wahr und wertvoll erkannt habe. Nun gerade, sage ich mir. ... Volles Verständnis habe ich natürlich für die augenblickliche Zurückhaltung aller der Br. Geschäftsleute, deren Existenz durch ihre Zugehörigkeit zur Loge unmittelbar bedroht ist. Wo das aber nicht der Fall ist, da bitte ich die Brüder, dem Rufe ihres neuen Meisters Folge zu leisten. Ist der Besuch der Arbeiten künftig so betrübend gering wie bisher, so verliere ich bald jegliche Lust und Liebe zu meinem hohen Amt, jegliche Schwungkraft zur Erfüllung meiner nicht leichten Pflicht und werde dann bitter enttäuscht und tief betrübt den Hammer der Brüderschaft zurückgeben.“

Mehrere Versammlungen fanden im März und April 1933 im Logenhaus statt. Am 02. April berichtet der Logenmeister Br. Lorenz Conrad Peters über die Mitgliederversammlung, die im Anschluss an seine offizielle Meistereinsetzung am 01. April stattgefunden hatte, an die Große Landesloge nach Berlin:
„Die von Tag zu Tag stürmischer werdende Welle der Anfeindungen gegen unseren Orden machen die Lage der Husumer Loge unhaltbar. Fast täglich laufen Austrittserklärungen ein, und viele Brüder versichern, dass sie es mit Rücksicht auf ihre Existenz, auf ihre Familie nicht verantworten können, der Loge länger anzugehören. Brüder Geschäftsleute spüren immer stärker den wirtschaftlichen Boykott, Brüder Beamte müssen Schikanen, etwa Versetzungen befürchten, da jetzt an der Spitze der Provinz Herr Lohse, der fanatischste Gegner der Freimaurer-Orden als Oberpräsident steht. In den nächsten Wochen wird die Mehrzahl der uns noch verbliebenen Brüder bestimmt die Loge decken. Und was dann ? ...Die Lage der Husumer Loge hat sich bis aufs äußerste zugespitzt. Das erklärt sich daraus, dass Husum eine Kleinstadt ist, in einem Landesbezirk mit fast ausschließlich nationalsozialistischer Bevölkerung liegt, dass der allgewaltige Kreisleiter der NSDAP ein uns besonders feindlicher beschränkter Fanatiker ist und dass die Stellung der Loge geschwächt ist durch den Abwehrkampf und die Affäre Lesch. Nun ist es soweit gekommen, dass sich in den nächsten Wochen durch weitere Austritte die Loge völlig auflöst.“

Schließlich wurde dann auf den starken politischen und psychologischen Druck hin am 26. April 1933 von der Mitgliederversammlung der Freimaurerloge die Auflösung des Vereins beschlossen.

Als Treuhänder wurde von der Auflösungsversammlung der Br. Hans Ausborn (Steuerberater und Bücherrevisor) vorgeschlagen, der als einer der letzten Suchenden am 5. Oktober 1928 zum Freimaurer aufgenommen worden war. Das Logenhaus fiel bestimmungsgemäß auf die Große Landesloge in Berlin zurück, die ihn als Treuhänder und Liquidator bestätigte.

Ein letztes Mal trafen sich die dann 17 ehemaligen Vereinsmitglieder zur Vollversammlung am 8. Juni 1933.

Wegen eines Steuerrückstandes von nur etwa 130 Reichsmark betrieb die Stadt Husum eine Zwangsversteigerung, die Ausborn mit der Verpfändung einiger Gegenstände abwenden konnte. Gleichzeitig schreibt die Kreisleitung Husum der NSDAP am 10. Februar 1934 an die Treuhand in Berlin:
„Da die Freimaurerloge leer steht und wir zur Schulung für die Parteimitglieder, die SA und die Hitlerjugend dringend Räumlichkeiten brauchen, bitten wir, uns die Loge für diese Zwecke zur Verfügung zu stellen. Wir sind nicht in der Lage, eine Miete zu entrichten. Heil Hitler – Kreisleiter (Herrmann Hansen)“.

Das Logenhaus wurde schließlich im April 1934 von der SA auf Veranlassung von Ortsgruppenleiter Dierks ausgeräumt. Ausborn beschwerte sich in Husum und Berlin, daraufhin wurden Ende Mai die Bücher, Akten und sonstigen Gegenstände zunächst zurückgebracht. Allerdings fehlte einiges, woraufhin sich Hans Aus- born erneut im Rathaus beschwerte. Bürgermeister Herrmann Hansen äußerte sich in den Verhandlungen so: „Was haben uns hier die Freimaurer verkohlt, die gehören alle ins Konzentrationslager, wenn ich die Möglichkeit hätte, dann ...“

Am 2. Juni 1934 wurde schließlich das Logenhaus durch die Gestapo endgültig beschlagnahmt und sämtliches Inventar einschließlich Archiv und Bibliothek entfernt. Das Haus wurde danach zunächst durch die NS-Volkswohlfahrt belegt.

Die Nacht vom 19. auf den 20. Juni 1934

Etwas mehr als ein Jahr nach der Auflösung der Husumer Loge kam es in der Nacht vom 19. zum 20. Juni 1934 zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen drei ehemalige Husumer Brüder Freimaurer.

Mehrere Brüder waren gleichzeitig Mitglied beim rechtskonservativen „Stahlhelm-Bund der Frontsoldaten“ gewesen. Diese Organisation wurde später auch in die NS-Organisation zwangseingegliedert. Vorher wurde jedoch versucht, das Logenhaus für den „Stahlhelm“ als Mieter zu sichern und so dem Zugriff der Nazis zu entziehen.

Der Liquidator Br. Hans Ausborn, der ehemalige Logenmeister Br. Lorenz Conrad Peters und auch der Br. Richard Ditsch hatten sich nicht ohne Widerstand unter den schwierigsten Bedingungen mit den Maßnahmen und Methoden der nationalsozialistischen neuen Machthaber abgefunden, sie hatten Zivilcourage bewiesen. Die Nazis beschlossen, ein Exempel zu statuieren.

Wir bedanken uns bei Herrn Dr. Christian M. Sörensen, der als Historiker in den „Beiträgen zur Husumer Stadtgeschichte“ im Heft 6 / 1998 unter dem Titel „Zur NS-Herrschaft in Husum“ diese Vorgänge umfassend recherchiert hat. Ein ausführlicher schriftlicher Bericht von Hans Ausborn ist uns erhalten geblieben.

Die SA hatte Befehl erhalten, sich in Zivil zunächst vor dem Haus von Br. Richard Ditsch in der Norderstraße zu versammeln. Gegen 11 Uhr abends war die johlende und grölende Menge auf etwa 250 Köpfe angewachsen. Vom erregten Pöbel wurden mit Pflaster- und Ziegelsteinen die Fenster eingeworfen und auch im Haus Verwüstungen angerichtet.

Später wandte sich die Menge zum Haus des Br. Hans Ausborn in der Herzog-Adolf-Straße, wo zusätzlich sogar teilweise mit Kellerfensterrosten geworfen wurde. Unter Rufen wie „Ausborn soll rauskommen, der Lump, der Verräter“ rettete Frau Ausborn im Nachtgewand ihre weinenden Kinder im Alter von 9 und 3 Jahren, das einjährige dritte Kind auf dem Arm, aus dem demolierten Kinderzimmer. Sie konnte nur mit Mühe ihren Mann davon abbringen, der Menge mit der Schusswaffe entgegenzutreten.

Ähnlich wurde schließlich beim ehemaligen Logenmeister Br. Lorenz Conrad Peters in der Nordbahnhofstraße verfahren. Auch sein Haus wurde vom aufgewiegelten Pöbel belagert und Scheiben eingeschlagen.

Br. Ditsch wurde von SA-Männern aus der Menge mehrfach geschlagen, von der Polizei schließlich in „Schutzhaft“ genommen und ins Rathaus verbracht. Auf dem Marsch dorthin wurde ihm unter Vorantritt eines Polizisten und eines uniformierten SA- Mannes ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin ein Volksverräter“ umgehängt. Der Pöbel schrie Parolen wie „Dood mit em, he schall hangen“. Auch Br. Ausborn und Br. Peters wurden festgenommen.

Die „Schutzhäftlinge“ mussten die Nacht im Rathaus verbringen, wurden danach ins Amtsgericht verbracht, durch die Geheime Staatspolizei verhört und erst nach zwei Tagen entlassen. Diese politische „Schutzhaft“ diente nicht dem Schutz der Person, sondern sollte diese Personen isolieren und diente damit indirekt dem Schutz des nationalsozialistischen Systems vor diesen Personen.

In weiten Teilen der Husumer Bevölkerung breitete sich nach Bekanntwerden dieser Ausschreitungen Mitleid und Entsetzen aus. In der Marienkirche fand ein Gottesdienst mit etwa 500 Besuchern statt, in dem zu diesen Vorgängen Stellung genommen wurde.

Liquidation und Auflösung

Am 16. August 1934 wurde das Husumer Logenhaus von einem neu eingesetzten Liquidator aus Berlin zu einem gerade Kosten deckenden Betrag von 15.500 Mark unter Wert an die Stadt Husum verkauft. Eine Vorgehensweise, die damals Methode hatte. Nach Abzug von Hypotheken, Honoraren etc. stellte der Reichsführer SS (Innenministerium) schließlich am 10. Dezember 1937 einen Liquidationsfehlbetrag von 70,70 Mark fest, die aus dem Vermögen der aufgelösten Großloge zu decken war.

Die Auflösung aller deutschen Freimaurerlogen wurde dann im August 1935 abgeschlossen.

Wie die bisherige Darstellung schon andeutet, wurden auch Freimaurer im Dritten Reich verfolgt, jedoch meist nicht allein wegen ihrer Logenzugehörigkeit, sondern aufgrund ihrer nicht regimekonformen Haltung. Es gab besonders bei vor 1933 in der Öffentlichkeit sehr aktiven Logenbrüdern Vertreibungen, Strafversetzungen, Verlust von Amt und Beruf und Vermögensschäden. Die Verfolgungen sind insgesamt jedoch sicher nicht mit dem Holocaust der Juden vergleichbar. Ehemalige Brüder haben sich oft auch einfach den neuen Machthabern angepasst.

Die Gestapo wandte das „Heimtücke-Gesetz“ an, wenn sie feststellte, dass Freimaurer sich trotz Logenauflösung trafen. In einigen deutschen Städten begegneten sich jedoch trotzdem die Freimaurer während der Naziherrschaft in eigens dafür gegründeten Kegel- oder Gesangvereinen. Für Husum ist dies jedoch nicht bekannt, obwohl natürlich persönliche Bindungen unter einzelnen Brüdern bestehen blieben und es sicher Begegnungen in privaten Räumen gegeben hat.

Das Schicksal der Logenakten

Sämtliche Akten aller deutschen Logen, Großlogen und freimaurerischen Vereinigungen wurden in einer eigens dafür eingerichteten Abteilung des Reichssicherheitshauptamtes, dem sog. „Freimaurermuseum“ des SD-Hauptamtes, in den Jahren 1933 bis 1935 gesammelt und archiviert. Als Archivar taucht hier Adolf Eichmann auf, dessen Name später Furcht und Schrecken wegen seiner Beteiligung am Holocaust erregte. Adolf Eichmann sortierte und archivierte noch als rangniedriger SS-Unterscharführer die Mitgliederlisten der geschlossenen Logen und ordnete freimaurerische Unterlagen, Siegel und Medaillen im Hohenzollernpalais an der Berliner Wilhelmstraße.

Nach einem Text auf der Homepage des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz (www.gsta.spk-berlin.de) wurden die Freimaurerakten schließlich, bedingt durch den Zweiten Weltkrieg, in die schlesischen Schlösser Wölfelsdorf und Schlesiersee ausgelagert. Dort wurden sie dann durch die Rote Armee sichergestellt und in das so genannte Moskauer „Sonderarchiv“ verbracht. Gemeinsam mit der Übergabe größerer Mengen von Archivgut durch die Sowjetunion gelangten 1957 die Logenbestände in das damalige Zentrale Staatsarchiv der DDR in Potsdam, von wo aus sie Mitte der 70er Jahre an die Dienststelle Merseburg des Zentralen Staatsarchivs weitergeleitet worden sind. Hier wurden sie zwischen 1975 und 1990 geordnet, verzeichnet und in über 75.000 Verzeichniseinheiten aus dem Zeitraum ab 1740 für die wissenschaftliche Auswertung aufbereitet.

Nach der deutschen Wiedervereinigung kamen im Jahre 1993 auch die Freimaurerarchivalien in das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz nach Berlin-Dahlem. Insgesamt ca. 1.400 lfdm. Akten lagern nun hier. Für die Benutzung der Freimaurerbestände ist eine vorherige schriftliche Genehmigung der jeweiligen Loge oder Großloge notwendig.

Erst im Zuge der Vorbereitung der Festschrift zum 100. Stiftungsfest der Freimaurerloge „Zur Bruderliebe an der Nordsee“ wurden die in Berlin noch vorhandenen Akten im April 2005 von zwei Husumer Brüdern gesichtet und damit die Geschichte unserer Loge wieder ans Licht geholt.

Wiedererrichtung der Loge ab 1945

Der folgende zeitgenössische Text, wohl 1949 vom Logenmeister Br. Friedrich Schiebries (seinerzeit Rektor der Theodor-Storm- Schule) geschrieben, findet sich in unseren Akten:
„Als im Jahre 1945 die Gewaltherrschaft zusammenbrach, regte sich bei den Freimaurern Husums der Wunsch, die alte Loge wieder aufzurichten. Die dem Orden treu gebliebenen Brüder, denen sich einige Flüchtlinge anschlossen, fanden sich an profaner Stelle (Wirtschaft John am Hafen / Tante Jenny) zusammen, um sich auszusprechen und die Wiederaufnahme ihrer Logentätigkeit vorzubereiten. Es war ein großes Glück, dass das alte Logenhaus in der Osterhusumer Straße 1 wieder übernommen werden konnte, leider war die Inneneinrichtung dieses Gebäudes vernichtet. Bei dem großen Materialmangel und dem Fehlen eines Vermögensgrundstockes sind natürlich bei der Ausgestaltung der Räume und der Beschaffung des erforderlichen Hausrates große Schwierigkeiten entstanden. Vieles musste aus dem Nichts geschaffen werden. In mühsamer Arbeit unter Beihilfe zahlreicher Brüder gelang es, den Tempel des ersten Grades in einfacher würdiger Weise aufzubauen und mit den ritualmäßigen Arbeiten dieses Grades zu beginnen. Bei der Wiedereröffnung am 12. Juli 1948 zählte unsere Loge 29 Mitglieder, bald darauf konnten auch die Tafellogen in den eigenen Räumen abgehalten werden. Die Arbeiten stehen unter der Leitung des vorsitzenden Meisters Br. Schiebries (Oberstudiendirektor Dr., wohnhaft Stormstr.2). Jeden ersten Montag im Monat findet eine rituelle Arbeit und jeden dritten Donnerstag im Monat eine gesellige Zusammenkunft statt, an der auch die Schwestern teilnehmen. Es entwickelte sich durch zahlreiche Vorträge, Instruktionen und Arbeiten ein reges Logenleben. Im September und kurz vor Weihnachten 1948 konnten wir mit den Schwestern besondere Feste begehen, zu denen auch die Ehefrauen der verstorbenen Logenbrüder erschienen. Im März 1949 gedachten wir in der Trauerloge der großen Zahl von 38 Brüdern, die seit 1935 in den ewigen Osten eingegangen waren. Am 21. März 1949 hatten wir die große Freude in Gegenwart zahlreicher Brüder aus der Nordmark, aus Schleswig, Flensburg und Heide, das 43. Stiftungsfest in würdiger Form feiern zu können. An die Festarbeit schloss sich in den eigenen Räumen eine Tafelloge, nach deren Schluss die Teilnehmer noch längere Zeit zusammenblieben, an, bis für die auswärtigen Brüder die Abschiedsstunde schlug. Voller Freude blicken wir auf den harmonischen Verlauf des Festes zurück. Die Bruderschaft ist eifrig bemüht, ihre Bauhütte weiter auszubauen und eine würdige Arbeitsstätte der Königlichen Kunst zu werden.“

Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.
Wilhelm von Humboldt