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Selbsterkenntnis – Ein zentrales Motiv in der Freimaurerei - Freimaurer Husum

 

Selbsterkenntnis – Ein zentrales Motiv in der Freimaurerei

Der Ausruf Metanoeite –„Kehre um! Ändere deinen Sinn“– von Johannes dem Täufer aus dem Evangelium nach Matthäus ist von zentraler Bedeutung in der Freimaurerei.

Der Weg zur Umsetzung dieser Aufforderung ist jedoch zunächst unklar, da die Antworten auf drei sehr wesentliche Fragen noch fehlen:

  • Was ist der Ausgangspunkt für die angestrebte Veränderung?
    Anders gefragt: Wer sind wir und was müssen wir an uns ändern?
  • Welches Ziel hat diese Veränderung?
  • Wie und mit welchen Mitteln können wir dieses Ziel erreichen?
Es bedarf der Selbstreflexion und des Strebens nach Selbsterkenntnis, um zu einer Antwort auf die erste dieser Fragen zu gelangen. Beide bestimmen den gesamten freimaurerischen Weg und sind lebenslange Aufgaben.

Johannes der Täufer
Johannes der Täufer
Matthias Grünewald (1512-1516)

Die Selbsterkenntnis ist eine unbedingte Voraussetzung für die von uns angestrebte Entwicklung der eigenen Persönlichkeit – Wie soll ich mich, meinen Sinn ändern und die Königliche Kunst anwenden, wenn ich mich nicht ausreichend kenne? Die Vervollkommnung der Persönlichkeit ist ein fortschreitender Prozess und besteht vor allem darin, in immer höherem Maße zur Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Mäßigkeit zu gelangen.

Bei nachträglicher Betrachtung vieler Konflikte kann sehr schnell festgestellt werden, dass sie durch ein Mehr an Selbstreflexion der Beteiligten hätten besser gelöst werden können.

Daran wird deutlich, dass das kritische Hinterfragen und Beurteilen des eigenen Denkens, der eigenen Standpunkte und Handlungen sowie das Bemühen um mehr Selbsterkenntnis den Menschen sehr dabei unterstützen können, sich im Leben besser zurechtzufinden. Aus dem täglichen Leben sind viele der Erschwernisse bekannt, welche beim Erkennen des wahren Ichs auftreten:

  • Bei der Selbstreflexion stehen die Selbstbeobachtung des eigenen Verhaltens, der eigenen Gedanken und Gefühle im Fokus. Bei ihr geht es um die Beantwortung von Fragen wie „Wie reagiere ich auf etwas?“ und „Was steckt wirklich hinter meinem Verhalten?“. Es entsteht ein Selbstbild, welches das Denken, Fühlen und Verhalten steuert, wobei ein ständiges Wechselspiel mit der Umwelt besteht. Das Selbstbild muss kontinuierlich mit dem erzeugten Fremdbild – „Wie wirke ich auf meine Umwelt?“ – abgeglichen werden. Letztendlich kann nur so ein möglichst neutrales Selbstbild erzeugt werden.
  • Zur Erzeugung des soeben erwähnten Fremdbildes werden Informationen über die Wirkung auf andere benötigt. Dieses bedingt die Bereitschaft, sich beobachten zu lassen. Hierbei sind wechselnde Umgebungen und das Zusammentreffen mit fremden Menschen sehr hilfreich, da so Erkenntnisse über viele unterschiedliche und neue Charaktereigenschaften ermöglicht werden. Die Aufgabe besteht dann darin, die Reaktionen im Umfeld zu interpretieren. Die richtige, realistische Einordnung dieses Fremdbildes wird jedoch erheblich durch das sogenannte Beobachterparadoxon erschwert: Es besagt, dass der Beobachtete allein durch die Tatsache des Beobachtetwerdens beeinflusst wird; der Beobachter verändert also den Beobachteten. Dieses deckt sich mit der allgemeinen Erfahrung, sich bewusst aber auch unbewusst unter Beobachtung anders zu verhalten. Der Philosoph Friedrich Wilhelm Nietzsche sah dieses Problem übrigens auch bei der Selbstbetrachtung.

Schriftliche Überlieferungen zeigen, dass sich die Menschen bereits in der Antike intensiv mit Fragestellungen der Selbstfindung auseinandergesetzt haben. Ihnen zufolge haben sich im Eingangsbereich des Apollontempels von Delphi die 2 Inschriften „Erkenne dich selbst“ (gnôthi seautón) und „Nichts im Übermaß“ (medèn ágan) befunden. Sie stammen vermutlich aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr.. Hinzu kommt in diesem Zusammenhang noch ein dritter Ausspruch, nämlich „Du bist“ (eî). Ob dieser jedoch ebenfalls das Portal zierte, ist ungewiss. Plutarchs Erzählungen legen eher nahe, dass er eine gesprochene Antwort der Besucher des Tempels war. Diese 3 Aussprüche werden auch die 3 Weisheiten genannt.

Für den hohen Stellenwert der Gedanken zur eigenen Persönlichkeit werden nachstehend einige Beispiele aus der Philosophie gegeben.

So ist für den griechischen Philosophen der Antike Sokrates (469 v. Chr. – 399 v. Chr.) die Selbsterkenntnis die Bedingung für Sittlichkeit. Für ihn ist der Weg der Selbsterkenntnis zugleich ein Weg, auf dem wir herausfinden, was wir wissen und können und was wir nicht wissen und nicht können. Hierdurch erfahren wir gleichzeitig, wodurch wir zum Erhalt der menschlichen Gemeinschaft möglichst viel beitragen können. Durch die Selbsterkenntnis wird damit die Grundlage unserer eigenen Existenz gesichert.

Sokrates
Sokrates

Wegen der zur Erforschung der eigenen Persönlichkeit erforderlichen Anstrengungen bezeichnet Immanuel Kant diese in seiner Metaphysik der Sitten gar als „Höllenfahrt“. Er sieht in der moralischen Selbsterkenntnis aller menschlichen Weisheit Anfang.

Nicht unerwähnt bleiben sollte der Dominikaner und Mystiker Meister Eckhart (ca. 1260–1328). Dieser sagte zur Selbsterkenntnis und deren Bedeutung für unser Handeln:

Die Leute sollten nicht immer soviel nachdenken,
was sie wohl tun sollen,
sie sollten lieber bedenken, was sie sein sollen.
Wären Sie nur gut und ihre Art,
so möchten ihre Werke sehr leuchten.
Bist du gerecht, so sind auch deine Werke gerecht.
Denke nicht, dein Heil zu setzen auf ein Tun:
man muss es setzen auf ein Sein.

Auch in der Literatur wurde und wird das Thema Selbsterkenntnis intensiv behandelt.

Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) nennt sie den Mittelpunkt aller menschlichen Weisheit.

Ein sehr beeindruckendes Beispiel dafür, wie aus Selbsterkenntnis eine Entwicklung der Persönlichkeit zu mehr Toleranz erwachsen kann, gab Lessing in seinem Drama – oder wie er es nannte, seinem Dramatischen Gedicht – Nathan der Weise. In diesem Drama, welches zur Zeit des Dritten Kreuzzugs von 1189–1192 n. Chr. spielt, beantwortet der jüdische Kaufmann Nathan die Frage des muslimischen Herrschers Jerusalems Sultan Saladin die Frage nach der „wahren Religion“ durch die Erzählung der „Ringparabel“. Durch seine herausfordernde Erzählweise und den Inhalt dieser Geschichte, in der die 3 monotheistischen Weltreligionen allegorisch durch 3 Ringe dargestellt werden, gelingt es Nathan den Sultan Saladin zur Selbsterkenntnis und zu großer Toleranz gegenüber den beiden anderen Religionen zu erziehen.

Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) beschäftigte sich in seinem Werk mit der Selbstbetrachtung.

In seinem Schauspiel Torquato Tasso aus dem Jahr 1807 werden die beschriebenen Probleme bei der Selbsteinschätzung thematisiert. In der 3. Szene des 2. Aktes sagt Antonio zu Tasso:

Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes
Erkennen; denn er misst nach eignem Maß
Sich bald zu klein und leider oft zu groß.
Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur
Das Leben lehret jedem, was er sei.

In seinem Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre stehen die Worte: „Wie kann man sich selbst erkennen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche Deine Pflicht zu tun und Du weißt gleich, was an Dir ist.“ An anderer Stelle heißt es: „Man will sein und nicht scheinen. Das ist recht gut, so lange man etwas ist.“

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Weg zur Selbsterkenntnis sicherlich beschwerlich ist, dass aber trotzdem jeder Schritt auf diesem Weg des Gehens wert ist.